Fashionspießer: Winchester-Hemd Kragen für Hochstapler

Arbeitskleidung für Mogelpackungen und Erbsenzähler: das Winchesterhemd.

(Foto: Tran-Photography - Fotolia)

Wer unbedingt sein Image ruinieren will, sollte zum Winchester-Leibchen greifen: Hemden mit weißem Kragen und weißen Manschetten sind die perfekte Arbeitskleidung für Clowns, Mogelpackungen und Erbsenzähler. Ein Appell an den guten Geschmack.

Von Violetta Simon

Steht der Mann vor seinem Schrank und lässt den Blick an der Kleiderstange entlangwandern, wird er augenblicklich überwältigt von einer überbordenden Auswahl an Streifen, Tupfen und Karos, in Rosa, Blau oder Weiß, in Pastell oder Knallfarben. Des Weiteren hat er die Qual der Wahl zwischen Button-Down-, Haifisch oder Kent-Kragen und Sport-, Umschlag- oder Kombi-Manschette. Es ist offensichtlich nicht der Träger, sondern das Hemd, das sich nicht entscheiden kann.

Kein Wunder, wenn ein Mann ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Hemd entwickelt. Bis es sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem vernünftigen Herrenoberbekleidungsstück etablierte, stülpte es dem Herrn so manch groteske Form über: Mal kam es bodenlang und kragenlos daher, später als Schlottersack mit Rüschen, dann als Folterinstrument mit steifem Brustlätzchen und Vatermörderkragen.

Doch unter all den absonderlichen Varianten existiert seit fast 200 Jahren eine besonders erschreckende - ein Trio aus drei weißen verstärkten Stoffstreifen, die das Hemd an Kopf und Armen abschließen: der Winchester-Kragen, auch bekannt als "Kontrastkragen", kombiniert mit weißen Manschetten. Seine Erfindung wird dem US-Hemdenfabrikanten und Republikaner Oliver Winchester zugeschrieben. Und irgendwie hat es das Ding geschafft, quasi als Untoter der Textilbranche, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. Und wir dachten, das Schlimmste hätten wir hinter uns.

Der Winchester-Kragen hat keine besondere Form und überhaupt keine Farbe und zieht seine Existenzberechtigung einzig aus der Tatsache, dass der Rest des Hemdes farbig, häufig sogar gestreift oder gar kariert ist. Andernfalls wäre er: ein Nichts.

Dabei ist das Herrenhemd als Unterbau für das Winchester-Trio viel zu schade, das hat es einfach nicht verdient. Immerhin verdankt der Mann dem Hemd so einiges - hat es ihm doch bei seiner Erstkommunion die Unsicherheit kaschiert, bei seiner Hochzeit Würde verliehen, und beim Bewerbungsgespräch Kompetenz eingehaucht.

Sich der Tragweite bewusst sein

Das Herrenhemd, das muss man so sagen, ist mehr als ein Kleidungsstück: Es versorgt seinen Träger mit Image und einem Gefühl der Sicherheit. Deshalb sollte dieser sich der Tragweite seines Auftritts stets bewusst sein.

Was aber will ein Mann zum Ausdruck bringen, der ein rosa oder fliederfarbenes Hemd mit weißem Kragen und Manschetten trägt? Dass er ein Clown ist? Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts stand ein weißes Hemd für Reichtum. Was bitte soll ein Hemd darstellen, bei dem es nur für jene Partien reicht, die aus dem Anzug ragen? Entpuppt er sich am Ende als Mogelpackung? So gesehen würde sich der Winchesterkragen durchaus als Arbeitskleidung für Hochstapler an der Börse oder im Bankgeschäft eignen. Und bei geschlossenem Anzug könnte man fast an eine weiße Weste glauben - wären da nicht die verräterischen Streifen, die unter dem Sakko hervorblitzen.

Ein wenig erinnern die Hemden mit den blütenweißen Enden an Hals und Gliedmaßen immer auch an die Buchhalter der Zwanziger Jahre - Erbsenzähler hinter Schaltern oder in verstaubten Schreibstuben mit Bleistift hinterm Ohr und Nickelbrille auf der Nase. Wer sich also unbedingt das Image eines Langweilers ans Revers heften will, sollte zum Winchester-Modell greifen.

All jenen Herren, die auch nur einen Hauch von Integrität oder Abenteuerlust in sich verspüren, sei gesagt: Und wenn es das letzte Hemd ist, das ihr hergebt - trennt euch von den Winchester-Leibchen! Das ist das Beste, was ihr für euer Image tun könnt.