Fashionspießer: Wedge-Sneakers Keiler Scheiß

Victoria Beckham weiß: Auf Wedge-Sneakers zu gehen, ist das eine Problem, darin gut auszusehen das andere.

(Foto: REUTERS)

Wenn Frauen plötzlich das Laufen verlernen, hat das einen Grund: Schuhe mit Keilabsatz, Kenner sprechen von "Wedges". Findige Designer haben dem Treter-Trend jetzt eine sportliche Optik verpasst. Und ihn damit brandgefährlich gemacht. Eine Stilkolumne.

Von Johanna Bruckner

Eine gut geteerte Wegstrecke von nicht mal 500 Metern kann bisweilen schlaglochtiefe Fettnäpfchen bergen. Da hastet man nach Feierabend neben der Kollegin her, zur S-Bahn. Bemerkt die offensichtlichen Schwierigkeiten der Nebenfrau beim Vorwärtskommen und erkundigt sich besorgt nach dem Grund des motorischen Defizits: Zeh angestoßen? Die Bänder gezerrt? Das Knie verdreht? "Nein", lautet die Antwort, "ich hab' nur neue Schuhe!"

Sobald sich Puls und Gesichtsfarbe einigermaßen beruhigt haben, wagt man einen verstohlenen Seitenblick auf besagtes Tretwerk. Und da ist er, der jüngste Fluch, den Schuhdesigner über die Frau gebracht haben: Schuhe mit Keilabsatz, auch "Wedges" genannt ("wedge" aus dem Englischen: der Keil). Doch wie trügerisch ist die Anmutung eines stabilen Fußbetts! Laufen auf Wedges ist eine Gratwanderung, im wahrsten Sinne des Wortes - einmal nicht mittig aufgetreten, und schon ist die Balance dahin.

Besonders perfide: Mittlerweile kommen Wedges in sportlicher Aufmachung daher, die Stolperfallen sind also nicht mal mehr als solche erkennbar. Der Absatz - in der ersten Saison noch aus weichem Kork, später dann auch mal aus Hartholz - wird nicht mehr betont, sondern dem Design des Oberschuhs angeglichen. Dicke Zungen und Klettverschlüsse machen die trügerische Turnschuh-Optik perfekt.

"Beinschmeichler sind die Turnschuhe nicht"

Tatkräftige Unterstützung bei der Verbreitung der "Wedge-Sneakers" oder auch "Wedge-Trainers" leisten prominente Fashionistas und die Modemagazinindustrie. Diverse Laufstegschönheiten, Showbiz-Stars und Schauspielerinnen wurden bereits in den Schuhen abgelichtet. Erstaunlicherweise aufrecht gehend - was die Frage aufwirft, ob sich die gut betuchten Damen neben den Designer-Tretern auch gleich noch einen Catwalk-Coach geleistet haben.

Wie sonst schafft es US-Sängerin Beyoncé Knowles, Töchterchen Blue Ivy im Tragetuch sicher auf den halsbrecherischen Hacken zu transportieren?

Auf Wedge-Sneakers zu gehen, ist das eine Problem, darin gut auszusehen das andere. "Beinschmeichler sind die Turnschuhe nicht gerade, verlieren aber etwas von ihrem klobigen Charme, wenn man sie zu schmalen, knöchellangen Hosen statt geschoppten, langen Jeans trägt", empfiehlt die Bunte. Übersetzt aus dem Frauenzeitschriftdeutschen bedeutet das: Keine Beinkleider mit gerafften Bündchen kombinieren. Ach ja, und am besten sofort das Essen einstellen, damit die empfohlene Röhrenjeans nicht auf Tunnelmaße gedehnt wird.

Bei modebewussten Celebrities besonders begehrt sind im Übrigen die Entwürfe der französischen Designerin Isabel Marant. Die kosten mehrere hundert Euro, alle nachfolgenden orthopädischen Behandlungen exklusive. Dafür bekommt man neben vermeintlichem Tragekomfort - "Schwindelerregend bequem!", titelt die Bunte - eine spacige Metallic-Optik. Die Reminiszenz an Michael J. Fox' Schuhe aus Zurück in die Zukunft mag Zufall sein, passt aber ganz gut.

Denn so neu ist der Trend nicht: Bereits in den siebziger Jahren kämpften Frauen mit dem starren Absatz, der das Abrollen zur Herausforderung für den Spann macht. Man möchte nachträglich den Hut ziehen vor jenen Blumenmädchen, die unfallfrei in Wedges und Wallewalle-Röcken steiniges Festival-Gelände meisterten. Und allen anderen wünschen, dass sie aus den schmerzhaften Erfahrungen dieser Generationen klug geworden sind und die Renaissance des bandgefährlichen Trends an sich vorüberziehen lassen.

So wie Victoria Beckham. Die Mutter aller Modepüppchen trug bereits 2007 weiße Wedge-Sneakers. Heute kämen ihr die wohl aber genauso wenig an die Füße wie der wasserstoffblonde Bob von damals auf den Kopf.

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