Fashionspießer: Strickmütze Zu cool für diese Welt

Vorbei sind die guten alten Zeiten, in denen Maschenmode auf Ski- und Snowboardpisten zu Hause war. Junge Männer tragen Strickmützen, auch "Beanies" genannt, mittlerweile selbst in Klubs, der Coolness wegen. Dabei sieht nur einer mit Zipfelmütze wirklich lässig aus: Papa Schlumpf. Eine Stilkolumne.

Von Johanna Bruckner

Kann denn Mütze Modesünde sein? Justin Bieber beantwortet dieses Frage für sich mit einem klaren: nein. Und auch die dunkle Sonnenbrille würde der kanadische Teeniestar wohl selbstbewusst in jedem Klub tragen.

(Foto: AFP)

Der Fön röhrt unisono mit den Klängen aus dem Badradio. Die Bürste streicht liebevoll über die nachtschwarze Haartolle. Ein letzter Blick auf das Stylingergebnis, prüfend-cool. Die Augen wandern nach unten, der Oberkörper spannt sich an - und erschlafft in Zufriedenheit über das geschmeidige Muskelspiel. Dann noch fix das Goldkettchen auf die Brustmatte gebettet, und fast fertig sind die Vorbereitungen für die anstehende Partynacht.

Kommt Ihnen nicht bekannt vor?

Das mag daran liegen, dass junge Männer sich heute eher mit ihrem iPod-Kabel erhängen würden, als wie einst John Travolta im Video zu "Saturday Night Fever" in die Disco zu gehen. Das fängt mit dem Pectoralis-Pelz an - selbst der Jüngling, der seine Brusthaare an einer Hand abzählen kann, nennt einen Fünf-Klingen-Rasierer sein Eigen. Und hört mit dem Kopfhaar auf: Der Naturwuchs wird mit chemisch-kosmetischen Hilfsmitteln in die gewünschte Form gescheitelt und gezupft. Oder gleich unter einer Strickmütze verborgen.

Wolle unter Scheinwerferlicht

Noch in den neunziger Jahren fristete die Maschenmode ihr Dasein vor allem auf Snowboardpisten, in Halfpipes und auf Hip-Hop-Events. Doch spätestens im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ist die Strickmütze - neudeutsch: Beanie (aus dem Englischen, bedeutet dort Bohne und ist mit dem deutschen Begriff Birne für Kopf vergleichbar) - im Mainstream angekommen. Und eben auch im Nachtleben.

Strickmütze in der Disco? Mancher wähnt sich da allein schon vom Zuhören im samstagabendlichen Fieberwahn. Doch das mit der Wolle unter dem Scheinwerferlicht ist gar nicht so schweißtreibend, wie es scheint. Schließlich ist nicht nur die Travolta-Tolle aus dem Nachtleben verschwunden, sondern auch sein Hüftschwung. Und die Könige der Klubs - wer sagt heute noch Disco? - präsentieren ihre minimalistische Bewegungskunst ohnehin lieber in schummrigen Ecken als unter Spotlights.

Überhaupt soll mal einer sagen, so eine Mütze entbehre in geschlossenen Räumen jeglicher Notwendigkeit! Schließlich verfügen moderne Modelle vielfach über ein integriertes Luftdepot. Bei Long Beanies liegt dieses am unteren Hinterkopf, in etwa über dem Okzipitallappen des Gehirns, der das Sehzentrum beherbergt.

Das läuft bei jungen Männern in Klubs ja gerne mal heiß. Wobei dafür weniger kurze Röcke und tiefe Dekolletés verantwortlich sind als vielmehr mangelnde Beleuchtung (Stichwort: schummrige Ecken) und Sonnenbrillen. Noch so ein vermeintliches Outdoor-Accessoire, das neuerdings "in" ist, in mehr als einer Hinsicht.

Doch wir schweifen ab. Denn bei allen vermeintlichen Vorteilen: Zipfelmützen gehören auf den Kopf von Papa Schlumpf und den sieben Zwergen. Sie sind vielleicht noch verzeihlich auf dem Haupt eines Justin Bieber. Auch ein Teeniestar muss schließlich mal einen Bad-Hair-Day kaschieren dürfen - sonst hat er mit 20 einen Knorpelschaden im Hals vom ständigen Pony-aus-der-Stirn-Werfen.

Allen anderen, die sich bei zu erwartenden Temperaturen im Plusbereich die Frage stellen: Kann denn Mütze Modesünde sein?, sei jedoch gesagt: Ja, sie kann und sie ist. Das gilt im Übrigen auch für Ashton Kutcher und DJ Ötzi.