Fashionspießer: Schößchen Feldzug der Niedlichkeit

Es gibt sie an Kleidchen, Mäntelchen und Röckchen: Schößchen, auf Hüfthöhe angebrachte Stoffapplikationen. Doch der Trend katapultiert Trägerinnen nicht in den Modeolymp, sondern geradewegs zurück ins Mädchenpensionat. Eine Stilkolumne.

Von Lena Jakat

Schößchen. Das klingt niedlich und gleichzeitig furchtbar distinguiert, um nicht zu sagen: hochnäsig. Schon allein für die korrekte Aussprache dieses Wortes bedurften manche einst einen mehrjährigen Drill auf dem Mädchenpensionat. Schößchen. Kurz oder lang, fließend oder steil abstehend, nur hinten oder einmal rundherum, haben sich die Stofffetzen inzwischen zurück in die Mode geschlichen.

Was sich selbst auf den Laufstegen der Fashion Weeks nun schon zu lange hält, um als vorübergehende Verirrung der Designer durchzugehen, wird zurzeit als legitimer Bestandteil der Trachtenmode tausendfach an Dirndl-Rückseiten zur Schau gestellt. Doch leider beschränkt sich das Accessoire nicht auf die Symbiose mit anderen ohnehin antiken Kleidungsstücken wie Mieder und Schürze.

Sondern, wie Fotos in Modeblogs weltweit beweisen: Die Niedlichkeit hat längst einen erbarmungslosen Feldzug in unsere Kleiderschränke angetreten. Und es sieht nicht so aus, als würde sie sich aufhalten lassen. Schößchen an Kleidchen und Mäntelchen, Schößchen an Jäckchen und Blüschen, Schößchen über Bleistiftröckchen und Jeanschen.

Atavismus eines Überrocks

An der Taille eines Kleides oder am Saum eines Oberteils, sollen die Schößchen - der Atavismus eines Überrocks - die Hüfte der Trägerin umspielen. Dass die Hüfte allzu oft auch ganz gut mit sich selbst spielen kann, ist nur ein Problem. Angeblich wurden die Hüftgardinen in grauer Vorzeit erfunden, um auch den Blindesten darauf hinzuweisen, dass die Dame, die sie trägt, wohlgenährt und ergo nicht unvermögend ist. Wer heute dagegen zum Beispiel mit einem Designer-Blazer vor die Tür geht, sagt dasselbe aus - dazu muss es am Saum nicht auch noch baumeln.

Der Sinn dieser vollkommen überflüssigen Materialverschwendung will sich einfach nicht erschließen, zumal in Zeiten knapper Kassen und schwindender Ressourcen. Die Schößchen schmeicheln nicht, sie haben nichts mehr mit gut gefüllten Kühlschränken zu tun. Sie klingen nach Perlenohrringen, Puder und Büchern, die angehende Damen auf ihren Häuptern balancieren. Und noch schlimmer: Sie sehen auch so aus.

Schauspielerin Michelle Williams kam in einem Kleid zu den Oscars, das vor Mädchenromantik nur so triefte. Doch auch auf den Kleiderständern der großen Klamottenketten sind die Hüftgardinen leider längst angekommen.

(Foto: AFP)

Wie die Mode-Kolumnistin des britischen Guardian korrekt feststellt: "Schößchen lassen einen nicht schlank aussehen. Männer finden sie nicht sexy. Sie lassen einen ein bisschen verkleidet aussehen und zerknittern in der U-Bahn garantiert."

Allerdings nimmt Jess Cartner-Morley diese Erkenntnis zum Ausgangspunkt für eine Argumentation pro Schößchen - sie würden den Frauen schließlich die Chance geben, enflich mal ihren modischen Mut zu beweisen -, anstatt zu fordern: Steckt die Schößchen zurück in ihr Mottenkistchen, zurück auf dem staubigen Speicher des Mädchenpensionats, aus dem sie aus unerfindlichen Gründen gekrochen kamen. Und die Rüschchen und Blümchen - überhaupt jeden Modetrend, der schamlos in der Verniedlichungsform auftritt - gleich mit!

Wer allerdings partout nicht auf die angeklebte Mädchenromantik verzichten will, dem sei geraten, zumindest die englische Übersetzung zu verwenden: Schößchen heißen dort peplum. Das kommt von peplos, einem Kleidungsstück in der griechischen Antike, und klingt - auch wenn es die eher unförmige Pflaume in sich trägt - klassisch und geheimnisvoll. Nach Stil statt nach Blümchentapete.