Fashionspießer: Kinder in Erwachsenenkleidung Junge, siehst du alt aus!

Einfach putzig - aber auch ein bisschen gruslig: Romeo Beckham als kleine Ausgabe von Papa David.

(Foto: Imago Stock&People)

Nicht nur die Beckham-Jungs werden bisweilen in viel zu erwachsene Kleidung gesteckt - auch in Deutschland erschaffen Eltern gern eine Mini-Version ihrer selbst, indem sie ihre Kinder in kleine Investmentbanker verwandeln. Warum nur? Eine Stilkolumne.

Von Felicitas Kock

"Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus" - "Wir wollen also fröhlich sein, solange wir noch jung sind": Mit diesem alten Studentenlied werden Schüler im Lateinunterricht dazu genötigt, den Wert der Jugend zu besingen. Der ein oder andere blickt dabei womöglich an sich herunter und fragt sich, warum er selbst so wenig fröhlich aussieht. Sondern so geschniegelt und gebügelt. Und kein bisschen jung.

Eines Tages wird dieser Schüler in den Fotoalben seiner Kindheit blättern, traurig den Kopf schütteln und fragen: "Mama, Papa, wie konntet ihr mich nur in diese Spießerklamotten stecken? In Hemden und Pullunder, in Mini-Sakkos, Designershirts und Lederschuhe, in gedeckte Farben und edle Stoffe?"

In der Tat eine berechtigte Frage: Was reitet Eltern, die ihren Nachwuchs anziehen wie junge Erwachsene? Ist die Leistungsgesellschaft schuld? Schließlich werden in der tollsten Kita des Viertels nur Kinder angenommen, die beim Vorstellungstermin besonders professionell spielen. Bereits im Kindergarten können oft zwei Sprachen erlernt werden. Eltern erscheinen mit Bewerbungsmappen zum Vorstellungsgespräch. In der Grundschule entscheidet sich dann der restliche Lebensweg - wer nicht schnell genug eins und eins zusammenzählen oder mit Batterie, Drähten und Glühbirne einen Stromkreis bauen kann, hat eh schon verloren.

Also fördern manche Eltern ihre Kinder mit einer Taktik, die sie selbst in ihren ersten Berufsjahren erlernt haben: nach außen hin kompetent wirken, um für kompetent gehalten zu werden. Ein Junge, der aussieht, als hätte er bereits einen Universitätsabschluss, qualifiziert sich vielleicht leichter für den besseren Kindergarten, die erfolgversprechendere Grundschule, das renommiertere Gymnasium.

Außerdem können eitle Eltern, die ohne viel Aufwand eine kleinere Version ihrer selbst erschaffen, so viel Zeit sparen! Ob die Modeindustrie auf dieses Phänomen reagiert oder es umgekehrt erfunden hat, ist nicht mehr nachvollziehbar. In jedem Fall ist der Familien-Großeinkauf bei Lacoste und Hilfiger heute ratzfatz erledigt - die Auswahl der Eltern wird einfach in den Größen 104 und 116 mitgekauft. Schon sind die beiden Racker perfekt gekleidet und zeitintensive Ausflüge in das Kindergeschäft erfolgreich wegrationalisiert.

Doch bei allem Verständnis für Leistungsdruck und Narzissmus: Sollten Kinder nicht ihrem Alter entsprechend gekleidet sein? Schon allein, weil ihre Kindheit die einzige Zeit sein wird, in der sie blaue Pullover mit aufgestickten Tieren und Bommeln zu gelben Stoffhosen anziehen können, ohne dafür schief angeschaut zu werden?