Fashionspießer: High-Waist-Hotpants Problemzonen, frisch gepresst

Outfit mit Kompressionscharakter: Kelly Rowland in High-Waist-Hotpants.

(Foto: Getty Images)

Mehr Stoff für allzu knappe Höschen? Nur zu gerne! Aber bitte nicht oben dran, wie bei den neuesten Modellen. Die High-Waist-Hotpants sind unsexy und unanständig und dürften höchstens bei besorgten Müttern Begeisterung auslösen. Eine Stilkolumne.

Von Lena Jakat

Heiße Sommertage, an denen die Sonne noch bis in die Nacht nachglüht auf der Haut, an denen der Sand vom Baggerseestrand aus den Flipflops rieselt, Mädchen nach Sonnencreme riechen. Dann werden sie getragen, zu Bikini und T-Shirt: Hotpants. Ihr Name hat nichts mit der Außentemperatur zu tun, sondern sie heißen so, weil sie ihre Trägerinnen hot aussehen lassen, scharf und begehrlich. Als die ersten dieser heißen Hosen im Sommer 1971 zu sehen waren, mögen die ältlichen Herren, die diese mit erigiertem Zeigefinger verteufelten, innerlich ganz wuschig geworden sein ob all der blanken Beine. Schließlich hatte man gerade erst den Minirock verkraftet!

Doch vier Jahrzehnte später taugt nackte Haut nicht mehr zur Provokation und politischer Revoluzzergeist nicht mehr dazu, das Tragen von Hotpants zu rechtfertigen. Unanständig wirken die Höschen heute allenfalls noch in ihrer Plumpheit. Die allermeisten Trägerinnen - außer vielleicht solche, die Lena Gercke heißen, - lassen sie nicht hot aussehen. Sondern hässlich. Oder zumindest verzweifelt. Schließlich lenken die Hotpants den Blick zielgenau und exklusiv auf sämtliche Problemzonen des weiblichen Körpers, die so problematisch sind, dass ihr zahllose Fitness-Hüpfstunden gewidmet sind.

Folgerichtig müssten sich Ästheten landauf landab darüber freuen, dass die Hotpant an Stoff gewinnt. Nie wieder Orangenhaut in ihrer reinsten Form, wie sie nur ganz oben am Oberschenkel, knapp unterhalb der Po-Falte, zu finden ist! Nie wieder bürobleiche Haut auf schmutzigen S-Bahn-Sitzen!

Doch weit gefehlt. Der Stoff kommt nicht etwa unten dran; die Hotpant wächst nach oben. Bis über die Hüftknochen, über den Bauchnabel, bis in die Taille. High-Waisted Shorts heißt der Hosentrend. Was Destiny's-Child-Sängerin Kelly Rowland schon 2008 vormachte, hat es inzwischen auch auf unsere Straßen geschafft. Die Taillen-Shorts kommen meist als Jeans daher, sind aber mitunter auch im Vintage-Blumenmuster anzutreffen. Unvermindert knapp sitzt sie da und soll die weiblichen Kurven noch mehr betonen als ihre legere Verwandte, die lässig auf der Hüfte hängt.

Liderliche Verbindung von Retro-Athlet und Miederwarenverkäuferin

Die zusätzlichen Zentimeter hätten den Hotpants in Richtung Knie besser getan. Denn statt sexy wirkt das hochgeschlossene Höschen im einen Extremfall (bei fehlenden Kurven) wie eine Windel für Erwachsene, im anderen (bei ausgeprägten Kurven) wie figurformende Unterhosen aus Neopren. Als wäre ein Leichtathlet aus den Siebzigern eine unsittliche Verbindung mit der Betreiberin eines Miederwarengeschäfts eingegangen.

Doch während der Bauchwegslip im Verborgenen agiert und nach Außen hin den schönen Schein wahrt, offenbaren die Taillen-Hosen ihren Kompressionscharakter auf den ersten Blick: Jedes noch so kleine Polster, das in dieser Hose keinen Platz findet, fällt an anderer Stelle in anderer Form zwangsläufig unangenehm auf: als Wulst, Wurst oder Wabbel. Diese völlig ungeschönte, schonungslose Optik gibt den Hotpants dann doch irgendwie ihren unanständigen Charakter zurück. Zu den Strapsen für die Straße scheint es von hier nur noch ein kleiner Schritt zu sein.

Außer jenen unverbesserlichen Freaks, die jeden Modetrend mitmachen, kommt diese neue Form der heißen Hose wohl nur bei einer einzigen Bevölkerungsgruppe gut an. Bei den Müttern. Denn der neue Schnitt beruhigt eine ihrer Urängste: die vor einer Blasenentzündung der viel zu leicht bekleideten Tochter. Anders als die Hotpants der vergangenen Jahre nämlich hält die High-Waist-Version zumindest die Nieren warm.

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