Fashionspießer: Beinschlitz Vorhang auf für Hühnerschenkel

Warum sich mit nur einem Schlitz begnügen? Lena Gercke auf einer Gala in New York.

(Foto: AFP)

Auf dem Roten Teppich ist die Bikinisaison bereits eröffnet: Der Beinschlitz hat die Schamgrenze überschritten und arbeitet sich Richtung Oberkörper empor. Dort wird er bereits sehnsüchtig erwartet - vom Dekolleté. Eine Stilkrititk.

Von Violetta Simon

Der Beinschlitz ist das neue Dekolleté. Brüste hat schließlich jede - und wie es um deren Echtheit beschaffen ist, das wissen viele Frauen selbst nicht. Zumindest tun sie so, wenn sie darauf angesprochen werden. Aber das Bein, das spricht stets die Wahrheit.

Und die ist nicht immer schön. Erst kürzlich hätte das bekannteste Model der Welt um ein Haar seinen Ruf als alterslose Ikone ruiniert, weil sie sich im Minikleid zeigte: "Kate Moss schockt mit Knitter-Knie!" schrie die Presse erschüttert auf. Da investiert man sein halbes Vermögen in Cremes, damit sich die Falten vom Gesicht fernhalten - und dann tauchen sie am Knie wieder auf. Bis sich die Wogen glätten, muss die Britin nun also Röhrchenjeans tragen. Auch Cindy Crawford musste bereits für ihre faltigen Beingelenke Prügel einstecken, weil diese angeblich ihr wahres Alter verrieten. Klarer Fall, die Frau ist erledigt. Und alles nur, weil sie kein langes Kleid mit Beinschlitz trug. Dabei hätte sie hinter dem vielen Stoff ganz dezent ihre Knie verbergen und stattdessen mit beeindruckend langen Schenkeln punkten können - vorausgesetzt, die Seitenpartie ist dellenfrei. Nicht, dass es wieder Ärger gibt.

Überhaupt, wenn man es sich leisten kann, ist so ein Schlitz die optimale Möglichkeit, sich perfekt in Position zu bringen. Immerhin hat man sich monatelang im Fitness-Studio gequält, sich von seinem Personal Trainer durch die Flure scheuchen lassen und obendrein ein schmerzhaftes Waxing über sich ergehen lassen. Da will man auch zeigen, was man hat. Und so erscheinen Hollywooddiven, Sternchen und Models scharenweise in bodenlangen Roben, deren fließende Stoffe sich bei jedem Schritt wie im Theater teilen: Vorhang auf für die wahren Stars unter uns! Wo den Fotografen einst der Blick über die Schulter galt, werden dem Blitzlichtgewitter heute makellose Beine entgegengerammt wie die Stützpfeiler des Eiffelturms.

Berühmte Beine

So manches Bein hat es damit schon zum Twitter-Star gebracht: Für immer werden wir Angelina Jolies verzweifelten Versuch im Gedächtnis behalten, ihrer bauschigen Samtrobe durch extremes Bein-Posing Anmut zu verleihen: Sie habe sich darin nämlich gefühlt wie in einem Müllsack, sagte die Schauspielerin hinterher. Offenbar wollte sie den Anwesenden zu verstehen geben: "Seht her, ich habe unter diesem Ungetüm auch Beine!", indem sie eines davon durch den Schlitz nach außen stellte, so oft es ging. Das sah ganz fürchterlich verdreht aus und erinnerte eher an die Plastikgliedmaße einer Schaufensterpuppe. Dafür hat Angelinas Stylistin inzwischen einen neuen Arbeitgeber.

Ebenfalls übertrieben hat Anja Rubik mit einem Beinschlitz, der seinem Namen entwachsen war und gleich bis zur knochigen Hüfte des polnischen Models hinaufwanderte. Offenbar wollte die magere Blondine beweisen, dass sie ihren Diätplan einhält - und bei der Gelegenheit demonstrieren, was für ein böses Mädchen sie ist: "Alle mal hersehen, ich trage keine Unterwäsche!" Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, hat der Schlitz inzwischen die Schamgrenze überschritten und arbeitet sich allmählich Richtung Oberkörper empor. Dort wird er bereits sehnsüchtig erwartet - vom Dekolleté. Haben sich die beiden erst einmal vereint, ist die Bikinisaison auf dem Roten Teppich endgültig eröffnet.

Mag sein, dass der Beinschlitz damit ans Ende seiner Reichweite gelangt ist, aber noch lange nicht ans Ende seiner Möglichkeiten. Schließlich gibt es immer noch den Weg der Selbstvervielfältigung: Warum sich mit nur einem Schlitz begnügen? Lena Gercke präsentierte auf einer Gala in New York gleich zwei davon, für jedes Bein einen. Die Stoffbahn dazwischen reduzierte sich damit auf einen Lendenschurz. Willkommen in der Steinzeit. Warum nicht den Rest auch gleich in Streifen reißen, wie Milla Jovovich auf der MET-Gala? Josephine Bakers Bananenröckchen sind derzeit zumindest in der Variante mit Federn ja auch schon wieder sehr gefragt.