Export-Schlager Riesling Der edelste Zechwein auf Erden

Kann Wein tanzen? Dieser schon: Der deutsche Kabinett, vor allem als Riesling, gehört zu den originellsten Weinen der Welt. Er ist leicht, preiswert und kann nirgends kopiert werden. Doch ausgerechnet in seiner Heimat ist er bedroht.

Von Stephan Reinhardt

Bevor Sie weiterlesen, ein Vorschlag: Ziehen Sie los und versuchen Sie einen Riesling Kabinett der Geschmacksrichtung halbtrocken oder feinherb zu bekommen. Er sollte nicht mehr als 11 Volumenprozent Alkohol enthalten und von der Mosel, Saar oder Ruwer, von Nahe oder Rhein stammen. Finden Sie einen solchen Riesling nicht, so ist das schade, aber nicht verwunderlich. Denn dieser Typ, der Deutschlands Ruf als Herkunft einiger der feinsten Weißweine der Welt begründete, ist rar geworden.

Dabei zählt der klassische Kabinettwein, der nicht zu süß und nicht zu trocken ist, sondern Frucht, Säure und Restzucker bei niedrigem Alkoholgehalt (9-11 Vol-%) in faszinierende Balance bringt, zu den delikatesten Weißweinen der Welt. Es ist ein leichtfüßiger Wein, der vor allem als Riesling von unnachahmlicher Finesse sein kann. Die ganze Welt, der schweren, opulenten Weine müde, beneidet uns um diesen Wein, der zwar leicht und preiswert, aber alles andere als banal ist - und der nirgends in der Welt kopiert werden kann. Weil es nirgends vergleichbar günstige Bedingungen für diese Art Wein gibt.

Und doch ist der deutsche Kabinett bedroht. Die trockenen Kabinettweine sind meistens zu alkoholreich, die süßen zu süß und die Weine dazwischen? Sind praktisch schon ausgestorben. Allein ein paar Rieslinge changieren geschmacklich noch zwischen gesetzlich trocken (bis 9 Gramm Restzucker) und süß (ab 45 Gramm). Doch was nicht genau verortet und bezeichnet werden kann, scheint uns Deutschen suspekt, daher lassen wir lieber die Finger davon. Halbtrocken? Wie das schon klingt. Oder feinherb: Wie schmeckt denn das?

Wilhelm Haag, der 50 Jahre lang die Rieslinge des Weinguts Fritz Haag in Brauneberg an der Mosel gekeltert und weltberühmt gemacht hat, weiß: "Wenn man den Leuten nicht sagt, ob der Wein, den sie probieren, nun trocken oder süß ist, dann entscheiden sich viele für den halbtrockenen Riesling. Weil dessen Süße eher als Frucht wahrgenommen wird. Und weil er so wunderbar die Kehle runter läuft." Der klassische Kabinett, sagt Haag, das sei unser Wein, der Wein der Deutschen. Und die Welt liebe uns für diesen Wein. "Der Kabinett ist eben ein Zechwein, ein leicht zu trinkender Wein, von dem man sich abends gerne mal eine Flasche reintut."