Ernährung Wer den besten Joghurt finden will, muss nach Bulgarien reisen

Der deutsche Joghurt ist schlabbrig und schmecht käsig - warum?

Es gibt immer mehr Sorten, doch keiner schmeckt so gut wie der aus dem "Joghurtdreieck" im türkisch-bulgarisch-griechischen Grenzgebiet. Warum bloß?

Reportage von Kathleen Hildebrand, Damianitza

Im Neonlicht des Kühlregals wirkt die Auswahl gewaltig: Sauerkirsch-, Stracciatella- und Vanillejoghurt, Naturjoghurt mild, mit 3,5 oder 0,1 Prozent Fett, Trinkjoghurt in den Geschmacksrichtungen Heidelbeer, Erdbeer und Kaffee. Fast gelähmt von den Möglichkeiten steht man da. Aber trotz überforderung scheint sich diese Angebotsflut zu lohnen: Im Durchschnitt isst jeder Deutsche pro Jahr 17 Kilo Joghurt.

Nachgeschmack: nicht vorhanden

Und doch: Wer je in Griechenland, in Bulgarien oder in der Türkei "Joghurt mit Honig und Walnüssen" als Dessert hatte, der fragt sich, wieso ausgerechnet die beste Sorte hierzulande fehlt. Denn was man dort auf dem Löffel hat, das ist ganz anders. Die Konsistenz: sehr stichfest, fast schon wie Quark - der Honig sackt daher nicht ein, sondern bleibt oben auf dem Joghurt liegen. Der Geschmack: frisch, leicht säuerlich. Nachgeschmack: nicht vorhanden. Kein Hauch von Käsigkeit, nur pure, weiße Frische. Seltsamerweise können damit auch die vielen Joghurtsorten "griechischer" oder "bulgarischer Art", die bei uns seit ein paar Jahren immer populärer werden, nicht mithalten. Was aber ist das Geheimnis des Joghurts aus dem "Joghurtdreieck" im türkisch-bulgarisch-griechischen Grenzgebiet? Warum ist er so gut?

Historiker vermuten den Ursprung des Joghurts auf dem südöstlichen Balkan. Dort sollen die Protobulgaren, ein Nomadenvolk aus Zentralasien, als Erste Milch fermentiert haben. Als nomadisch lebende Schaf- und Ziegen-Hirten mussten sie ihr Hauptnahrungsmittel haltbar machen. Wie so oft im Leben fand sich die Lösung, indem man einfach mal abwartete und guckte, was passiert. In diesem Fall: zufällige Fermentierung. Die Joghurtwerdung der Milch.

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Wer dem Joghurt auf die Spur kommen will, muss also nach Bulgarien reisen, wo die kiselo mljako ("saure Milch") den Status eines Kulturguts hat. Durchschnittlich 22 Kilo Joghurt verzehrt ein Bulgare jedes Jahr, traditionell wird er dort zu jeder Mahlzeit gegessen.

Man fährt also nach Damianitza, in ein winziges Dorf in der südbulgarischen Pampa. Ein rumpeliges Sträßchen führt dort auf einen Hof, eine ehemals sozialistische Anlage mit struppigen Vorgärten, die heute Weingut und Bio-Bauernhof ist. Philip Harmandjiev, ein früherer Journalist aus Sofia hat ihn aufgebaut und macht hier noch in Handarbeit bulgarischen Joghurt in seiner ursprünglichsten Form.

Ungleichmäßig fest, wie gestockt sieht er aus

In den Bäumen rauscht der Wind eines nahenden Gewitters, es duftet nach Lindenblüten. Als Parkplatz dient eine alte Traktortankstelle, nicht weit davon: ein Holztisch, umwuselt von Katzen und Hunden. Und auf diesen Tisch stellt Ivo Todorov, Lebensmittelchemiker und Produktionschef des Damianitza-Hofs, nun zwei große Gläser Joghurt mit Schraubverschluss und ohne Etikett. Der Inhalt: ungleichmäßig fest, wie gestockt sieht er aus. In der Vertiefung, die der Löffel hinterlässt, sammelt sich Wasser. Nicht gerade ein Hingucker. Aber dieser Geschmack! So frisch und mildsäuerlich, als wäre Milch eine Frucht und der Joghurt ihr Fruchtfleisch. Das Beste: kein Nachgeschmack. "It's not cheesy", sagt Todorov. Die Herstellung sei "eigentlich ganz einfach".

Im Keller der Anlage rührt eine Angestellte mit Haarhaube in einem Metallbottich mit Rohmilch. Sie kommt direkt von den Damianitza-Kühen, wird auf 90 Grad erhitzt, kühlt dann ab und wird, wenn sie 43 Grad warm ist, mit Bakterien angereichert. "Die Mikroorganismen fressen den Zucker in der Milch, die Laktose, und wandeln sie in Laktate um", sagt Todorov - in Milchsäure. Die ist haltbar, bekömmlicher als Laktose und gibt dem Joghurt seinen typischen, säuerlichen Geschmack.

Außer Milch und Bakterien kommt nichts in den Joghurt von Damianitza. Keine Konservierungsstoffe, kein Trockenmilchpulver, keine Sahne. Die Milch bleibt unbehandelt und wird nicht, wie in der industriellen Produktion üblich, entrahmt und später auf den gewünschten Fettanteil gebracht. Für fünf Stunden stellt die Frau mit der Haarhaube die Gläser in einen hüfthohen metallenen Heizschrank, der den Joghurt konstant auf 43 Grad hält. Das ist alles. "Der ist doch fertig", sagt Todorov, als er einen Blick hinein wirft. "Nein", sagt die Frau, "eine Stunde noch". Also: Tür wieder zu.

Der Lactobacillus bulgaricus

So einfach also. Nur: Mikroorganismus ist nicht gleich Mikroorganismus. Und genau hier liegt der Unterschied zum gemeinen deutschen Kühlregal-Joghurt. In Bulgarien ist es der Lactobacillus bulgaricus, der den traditionellen Joghurt dicklegt, ebenso in Griechenland und in der Türkei. In Westeuropa ist er eine Seltenheit. Bulgarien hat ein eigenes Institut dafür eingerichtet, die bulgarischen Ur-Bakterienstämme weiterzuzüchten, ihre Reinheit zu bewahren und sie zu exportieren. Möglich, dass die Anfragen sich dort bald häufen: Forscher haben herausgefunden, dass die Bulgaricus-Milchsäure das Fortschreiten von Parkinson verlangsamen kann.