Ein Anruf bei... ...dem Designer, der einen Stuhl aus einem Baum genagt hat

Der Designer Nikolas Bentel schuf ein Möbelstück, hergestellt nur mit der Kraft der eigenen Zähne. Marke Eigenkau, könnte man sagen.

(Foto: OH)

Nikolas Bentel wollte weder Säge noch Hammer, Nägel, Schrauben oder Leim verwenden. Es floss also viel Blut, aber am Ende kam einen Möbelstück heraus, das seinen Zweck erfüllt.

Von Titus Arnu

Der New Yorker Designer Nikolas Bentel hat schon einige kuriose Projekte realisiert: Er hat Bekleidung entwickelt, die auf Luftverschmutzung reagiert, einen Pizzakarton entworfen, der sich zu einer Hasch-Pfeife falten lässt und Werbeflächen auf einem Original-Gemälde von Robert Rauschenberg verkauft. Seine Entwürfe waren auf der Mailänder Möbelmesse und bei den Pariser Modewochen zu sehen. Nun hat Bentel einen Holzstuhl aus selbst gefällten Bäumen genagt und gekratzt.

SZ: Herr Bentel, es gibt Möbelhäuser in Brooklyn - wäre es nicht einfacher gewesen, dort einen Stuhl zu kaufen?

Nikolas Bentel: Klar, es ist für uns so normal geworden, dass wir in einem tonnenschweren Auto zum Laden zwei Blocks weiter fahren und dort Fertigprodukte kaufen. Dabei wäre es viel einfacher und besser, wenn wir mehr selber machen. Daher kam die Idee: Wie wäre es, einen einfachen Alltagsgegenstand wie einen Stuhl selbst herzustellen, ohne Hilfe von Werkzeug?

Funktioniert irgendwie, sieht aber lächerlich aus, sagt der Designer selbst.

(Foto: All Purpose Nik)

Und wie geht das?

Meine Idee war, weder eine Säge noch Hammer, Nägel, Schrauben oder Leim zu verwenden. Und ich wollte natürlich keine vorgefertigten Teile nehmen, sondern Holz aus dem Wald.

Zum Baumfällen haben Sie auch kein Werkzeug verwendet?

Nein. Ich habe in einem Wald nördlich von New York nach Bäumen gesucht, die weich, aber nicht morsch sind. An denen habe ich so lange mit Händen gerüttelt und mit meinem Körpergewicht gedrückt, bis sie umgestürzt sind. Das ging erstaunlich gut, es hat etwa eineinhalb Stunden gedauert, bis ich genug zusammenhatte. Es dauerte aber fünf Stunden, das Holz aus dem Wald zu bringen. Wohin haben Sie das Holz geschleppt?

In die Werkstatt meines Vaters, er lebt auf dem Land und kennt sich aus mit Holz und Design. Er hat mir geholfen bei dem Projekt, er wusste theoretisch, wie man Holzstücke so zusammenfügt, dass sie halten. Aber in der Praxis war das ganz schön schwierig, es war ein längerer experimenteller Prozess.

Wie haben Sie das Holz geformt?

Mit verschiedenen Körperteilen. Die Rinde ging ganz gut ab, indem ich sie mit den Händen abriss und abkratzte. Das Holz war relativ weich, deshalb habe ich es mit meinen Zähnen abnagen können. Meine Faust habe ich als Hammer benutzt.

Haben Sie sich dabei verletzt?

Oh ja, es floss ziemlich viel Blut, vor allem beim Beißen. An den Händen habe ich einige Schrammen und Wunden. Und ich habe mir einige Splitter in den Fingern eingezogen, ich hatte sogar Splitter in der Zunge. Mein Körper brauchte immer wieder längere Erholungsphasen, es dauerte drei, vier, Tage, bis ein stuhlähnliches Objekt Form annahm.

Stuhlähnliches Objekt, das klingt nicht euphorisch. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Na ja, es ist ein Stuhl, und er funktioniert. Vielleicht kauft ihn eines Tages eine Kunstgalerie, bis dahin steht er in meinem Studio. Ich sitze eher selten darauf, das Ding ist nicht besonders stabil.

Hat sich dafür der ganze Aufwand gelohnt?

Auf jeden Fall. Der Stuhl sieht lächerlich aus, das gebe ich zu, aber die meisten meiner Projekte haben auch einen Comedy-Aspekt. Gleichzeitig finde ich, dass mein Stuhl zum Nachdenken anregt über den Wert einfacher Dinge. Außerdem hat es totalen Spaß gemacht, trotz der Schmerzen. Ich nenne es Extreme Designing.