Doggy Bags in Frankreich Kommt in die Tüte

Künftig sind Restaurants in Frankreich dazu verpflichtet, ihren Gästen die Reste einzupacken.

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Bislang war es für viele Franzosen undenkbar, sich im Restaurant die Reste einpacken zu lassen. Nun ist der Doggy Bag gesetzlich Pflicht.

Von Sophie Burfeind

Coq au vin? Kommt nicht in die Tüte! Genau so wenig wie die Flasche mit dem letzten Schlückchen Crémant - Incroyable! Den Kellner zu bitten, die Reste einzupacken, erschien vielen Franzosen bislang skandalös, auch Touristen wurde in Reiseführern aus Gründen des Anstands davon abgeraten. Mit dem neuen Jahr aber brechen in der Grande Nation der Kulinarik andere Zeiten an: Der "Doggy Bag" (zu deutsch: "Hundebeutel") ist in Frankreich nun gesetzlich Pflicht. Seit Januar müssen Restaurants, die mehr als 150 Essen pro Tag servieren, sie auf Lager haben. Ein Doggy Bag ist übrigens nicht, wie man annehmen könnte, eine Variante des Hundekotbeutels, sondern eine Plastikschachtel, in der man Essensreste mitnimmt.

Dass die Franzosen sich sträuben, edle Gerichte wie Canard à l'orange oder Bœuf bourguignon in eine Styroporschachtel zu packen, ist nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich bei der französischen Küche nicht nur um ein Unesco-Weltkulturerbe, sondern um den Inbegriff der Haute Cuisine, der gehobenen Küche. Seit dem 19. Jahrhundert genießt die französische Kochkunst einen ausgezeichneten Ruf, der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy brachte es ohne Umschweife auf den Punkt: "Wir haben die beste Küche der Welt." Und die sieht man nicht gern in einer Hundetüte.

Maßnahme gegen die Lebensmittelverschwendung

Offenbar kommt man jedoch nicht darum herum, mit all den feinen Gerichten gibt es nämlich ein Problem: Oft landen sie in der Tonne. Schätzungen zufolge werden von jeder bestellten Mahlzeit im Restaurant in Frankreich durchschnittlich 210 bis 230 Gramm weggeworfen. Pro Jahr macht das eine Million Tonnen Lebensmittel alleine in der Gastronomie. Die französische Regierung möchte das ändern, bis 2025 soll nur noch halb so viele weggeschmissen werden. Ein Teil dieses Plans ist das Doggy-Bag-Gesetz.

Laut einem Bericht von France24 sind die Aussichten auch gar nicht so schlecht, dass Beutelträger sich bald durchsetzen könnten: Einer Umfrage im Auftrag der Regierung zufolge befürworten 75 Prozent der Franzosen die Tüten. Auch wenn 70 Prozent der Befragten angaben, noch nie Reste mit nach Hause genommen zu haben.

Eine elegante Lösung wurde schon gefunden

Bei Deutschen sind die Hemmungen, sich die Reste einpacken zu lassen, deutlich geringer. Den Aal in Aspik lässt man sich bedenkenlos in eine Hundetüte legen, und wer im Lokal den Kampf gegen "Schniposa" (Schnitzel, Pommes, Salat) oder "Pommes Schranke" (Pommes rot-weiß) verliert, schämt sich seltener, zum Dessert die Styroporschachtel zu verlangen.

Fast selbstverständlich ist diese Frage in den USA. Nicht nur, weil man dort wegen der schieren Größe der Portionen sowieso kaum aufessen kann, sondern, weil der Beutel dort erfunden wurde. Laut Recherchen des Smithsonian Institutes begann die Geschichte des Doggy Bag in den Vierzigerjahren: Wegen der Lebensmittelrationierungen im Zweiten Weltkrieg war das Essen knapp, für Hundebesitzer wurde es immer schwieriger, das Tier durchzufüttern. 1943 boten die ersten Restaurants in San Francisco den Gästen an, Essensreste für den Hund einzupacken; dazu gab es gratis Knochenreste aus dem Küchenabfall. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders dachten sich immer mehr Amerikaner, dass sie das halbe T-Bone-Steak ja eigentlich auch selbst essen könnten - auch wenn sie dafür zunächst noch schief angesehen wurden.

Um die auf Etikette bedachten Franzosen nun möglichst behutsam an das Resteeinpacken zu gewöhnen, haben schon im vergangenen Dezember 100 Restaurants in Paris Doggy Bags eingeführt. Damit ihnen der Griff zum Beutel noch leichter fällt, haben Gastronomen die Tüten kurzerhand umbenannt: in "Gourmet bags".