Do-it-yourself-Bewegung Und Schnitt!

Stricken und Töpfern als Hobby - das war gestern. Jetzt boomt das Nähen an der eigenen Maschine - gern auch in der Luxusausführung.

Von Christine Mortag

Unglaublich, wie viel Geld manche Leute für ein Kleid ausgeben, ein altes noch dazu. Auf einer Auktion in Paris ging letztens das Mondrian Dress von Yves Saint Laurent für 31 500 Euro weg. Der französische Designer hatte es 1965 entworfen, es wurde zu einem Klassiker der Modegeschichte, weil es mit seinen klaren Linien und geometrischen Mustern eben aussieht wie ein Gemälde von Piet Mondrian. Wem das preislich zu happig ist, der kann es auch günstiger haben: für umgerechnet 20 Euro. So viel kostet das Schnittmuster für den original YSL-Entwurf, zu beziehen über die britische Vogue. In England war dieses Modell eine der begehrtesten Nähvorlagen des vergangenen Jahres.

Im Ernst - nähen? Ist das eine Panikreaktion der Briten, weil kein Mensch drüben auf der Insel weiß, welchen mageren Zeiten sie nach dem Brexit entgegensteuern? Aber nein, wenn auf eines Verlass ist in der Mode, dann darauf, dass nationale Phänomene nicht mehr existieren. Nun ist also überall auf der Welt die nächste ursprünglich kreuzbiedere Tätigkeit angesagt, diesmal aus dem Bereich textile Heimarbeit. Nach Töpfern und Gärtnern wird so viel genäht wie schon lange nicht mehr.

Mehrere Tausend Euro für ein Handarbeitsgerät? Die Maschine war rasch vergriffen

Nähkurse, die in fast jeder größeren Stadt angeboten werden, sind blitzschnell ausgebucht. Im Netz konkurrieren unzählige Nähblogs, in Zeitschriftenläden und Buchhandlungen sind etliche Regalmeter gefüllt mit neuen Magazinen und Ratgebern rund ums Nähen. Allein in Deutschland werden pro Jahr fast 1,3 Milliarden Euro für Handarbeitsbedarf ausgegeben, davon 475 Millionen Euro nur für Stoffe. Im Sog der offenbar niemals endenden Do-it- yourself-Welle verbringen mehr als 18 Millionen Bundesbürger ihre Freizeit regelmäßig mit Steppstich, Maschenproben oder Häkelnadeln. "Nähen hat sogar das Stricken überholt", sagt Angela Probst-Bajak vom Verband der Initiative Handarbeit, die jährlich Markterhebungen veröffentlicht.

Und das ist schon verblüffend. Stricken lässt sich schließlich überall, im Bundestag und in der U-Bahn. Beim Nähen ist man wegen des nicht gerade handlichen Arbeitsgeräts doch einigermaßen eingeschränkt. Trotzdem kauften die Deutschen im Jahr 2015 Nähmaschinen für insgesamt 163 Millionen Euro, darunter waren auch Hightech-Modelle wie die "Creative Sensation Pro 2" von Pfaff. Das ist so etwas wie der Thermomix unter den Nähmaschinen, sie kostet um die 8000 Euro und war innerhalb kurzer Zeit vergriffen.

In diesem Zusammenhang können übrigens alle Helikopter-Eltern, die ja permanent fürchten, ihr Nachwuchs sei hoffnungslos dem Smartphone verfallen, kurz aufatmen. Plötzlich steht auf den Wunschzetteln vieler Teenager, zumindest denen der Mädchen, nicht nur das neueste galaktische Handy, sondern auch: eine Nähmaschine. "Ich bin wirklich erstaunt, dass sich auf einmal so viele junge Menschen fürs Nähen interessieren", sagt Probst-Bajak.

Schließlich ist Nähen bis vor Kurzem das Uncoolste gewesen, was man sich vorstellen kann. Unten ein Fußpedal treten, oben unter Verrenkungen den angefeuchteten Zwirn einfädeln, altbackener geht's kaum in Zeiten von 3-D-Textildruckern. Genäht wurde, so das gängige Image, was zum Anziehen. Aber ganz bestimmt keine Mode. Und tatsächlich ging es, historisch betrachtet, lange Zeit weniger um kreative Selbstverwirklichung, sondern um schiere Notwendigkeit, weil das Geld knapp war. Manchmal war Nähen sogar weibliche Bürgerpflicht. "Die Not der Zeit bringt es mit sich, dass Frauen und Mädchen gezwungen sind, Wäsche und Kleidung für den Hausbedarf selbst herzustellen oder gebrauchsfähig zu erhalten", heißt es in einem Preußischen Erlass aus dem Jahr 1923. Und in der bundesdeutschen Nachkriegszeit nähten die Mütter trotz Wirtschaftswunder und Vollbeschäftigung fleißig weiter an Petticoats und Schlaghosen, bis weit in die Siebzigerjahre hinein.

Mutter aller Schnittmuster: Das hier könnte auch als Papierprojekt von Ai Weiwei zur verworrenen Weltlage durchgehen - ist aber ein Anleitungsbogen für Hobbyschneider aus dem Hause Burda.

(Foto: Burda Style)

Das lag auch an mangelnden Einkaufsmöglichkeiten. Wo sollte man günstig Kleidung erstehen, besonders in der Provinz? Ketten wie H & M, Zara, Mango gab es noch nicht, Onlineshops erst recht nicht. Es wurde also geflickt und geändert, was das Zeug hielt. Wuchsen die Kinder aus den Hosen raus, wurde am Saum ein bunter Stoffstreifen angefügt. Der Cordrock war zu kurz geworden? Kein Problem, rasch die Träger in Kontrastfarben verlängert. Wer auf dem Schulhof in Selbstgenähtem auftauchte, gehörte modisch aber eher nicht zur Avantgarde.

Da konnte es einem schon wie eine Erlösung vorkommen, als in den Achtzigern mit der Eröffnung der ersten deutschen Hennes&Mauritz-Filiale der Siegeszug der Billigketten in den Fußgängerzonen begann. Auf einmal war es günstiger, Kleidung neu zu kaufen, als sie umzufrisieren oder selber zu nähen. Modischer war es noch dazu. Und später wollten alle sowieso nur noch Designersachen mit fetten Logos darauf. Nähen, das artige, geduldige, vernünftige Säumen, Flicken und Anstückeln erlebte seinen Tiefpunkt.

Der neue Trend basiert nun genau auf der zunehmenden Verweigerung des alten. Dass wieder viele Menschen nähen, ist eine Folge des Fast Fashion-Overkills. Totale Verfügbarkeit, totale Uniformität: Allein H &M besitzt mehr als 4300 Läden in 64 Ländern. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Leute in Sydney genauso herumlaufen wie in München oder Dallas. Und wenn gleichzeitig die Sehnsucht danach wächst, etwas anzuhaben, was nicht jeder trägt. "Die Leute wollen nicht mehr diesen globalen Einheitslook", sagt Guido Maria Kretschmer. Auf dem Fernsehsender Vox moderiert der Designer die Sendung "Geschickt eingefädelt", eine Adaption des englischen TV-Formats "The Great British Sewing Bee". In sogenannten Näh-Challenges treten acht Kandidaten gegeneinander an, am Ende wird der beste Hobbyschneider des Landes gekürt. Die letzte Gewinnerin war keine rüstige Veteranin, sondern eine 21-jährige Studentin. Kretschmer will mit der Show zum Nachahmen animieren. "Lieber mal ein altes Bettlaken umarbeiten als ein billiges Schrabbelteil aus Asien kaufen, an dem auch noch Kinderarbeit hängt", sagt er. Das ist ja ein wichtiger Aspekt beim Selbernähen: Da weiß man wenigstens, wo das fertige Teil herkommt und wer es produziert hat.

Einfädeln mit Digital Natives: In den Kursen wissen einige nicht, wie man eine Schere hält

Nähen ist "Slowfashion in Reinkultur", wird in einer Studie der Initiative Handarbeit behauptet. Man muss sich schließlich Zeit nehmen und auf eine Sache konzentrieren. Manche verkaufen es schon als das neue Yoga. "Schneidern hat etwas fast Meditatives", sagt Kretschmer, der mit neun Jahren zum ersten Mal etwas nähte, eine Weste für seine Mutter. "Aber nur, wenn man sich nicht überschätzt. Das machen viele, dann ist es frustrierend", findet Inge Szoltysik-Sparrer, strenge Co-Jurorin der Sendung und Vorsitzende im Bundesverband des Maßschneiderhandwerks. Dabei verschaffe einem kaum etwas so unmittelbar ein Erfolgserlebnis wie das Nähen, sagt sie. Selbst wer sich nicht wirklich geschickt anstelle, bekomme zumindest eine Kissenhülle hin.

Allerdings sind selbst Grundfertigkeiten wie Einfädeln bei den Jungen nicht mehr selbstverständlich. Früher gaben Mütter ihren Töchtern das Nähen weiter und hatten es ihrerseits zu Hause gelernt. Die Nähflaute der Achtziger- und Neunzigerjahre hat die Kette unterbrochen. "Da ist eine ganze Generation weggefallen", sagt Inge Szoltysik-Sparrer, die seit 37 Jahren in ihrem Atelier in Hagen Maßschneider ausbildet und nebenbei an der örtlichen Hauptschule Handarbeitsunterricht gibt. Der wurde als Pflichtfach abgeschafft. "Wir haben mit Schülern zu tun, die perfekt am Computer sind, aber nicht wissen, wie man eine Schere hält. In manchen Familien gibt nicht mal mehr ein Bügeleisen."

Präzision, Geduld, Konzentration: Manche verkaufen den Nähtrend schon als das neue Yoga.

(Foto: Burda Style)

Das hat am Ende zu einer kuriosen analog-digitalen Hilfsallianz für Handarbeits-Anfänger geführt: Ratsuchende fragen entweder die Oma - oder das Internet. Youtube ist voller Tutorials, in denen hippe Berliner haarklein aufzeigen, wie man Reißverschlüsse einnäht oder eine ordentliche Paspelierung hinbekommt. Und wenn die junge Mutter dann ihre Babyerstausstattung aus fair gehandeltem Bio-Musselin geschneidert hat, können wir sicher sein, dass sie kurz darauf einen Nähblog online stellt.

Von dem Boom profitieren auch die Printverlage. Der Topp-Verlag, Marktführer für kreative Ratgeber, hat 70 Titel zum Thema Nähen im Programm, beim edler aufgemachten Dorling Kindersley sind es immerhin 30. Das Angebot ist, zumindest quantitativ, reichhaltig, aus so gut wie jeder vorstellbaren Nähnische wurde ein Buch gemacht. Gardinen, Lampenschirme oder Rucksäcke, Kinderkleidung, Jogginghosen, Seidenblusen - was auch immer aus Stoff besteht, man kann's selber machen.

Und dann ist da natürlich die Mutter aller Schnittmuster: Die Burda Näh-Zeitschrift mit den hauchdünnen Anleitungsbögen. 1950 wurde das praktisch orientierte Frauenheft von der Verlegergattin Aenne Burda auf den Markt gebracht. Mit einer damals sensationellen Idee: Frauen im Nachkriegsdeutschland konnten sich auf einmal modische Kleidung für wenig Geld nachschneidern. Heute erscheint das Magazin in 17 Sprachen in fast 100 Ländern. Weil die Zielgruppe jünger geworden ist, bekam auch das Heft eine Runderneuerung. Aus Burda Moden wurde Burda Style. Die Redaktion thront in dem Gebäudekomplex an der Münchner Arabellastraße, in dem auch Elle und Instyle zu Hause sind. Mittlerweile ist das Schnittmusterheft selbst aufgemacht wie ein Modemagazin: neue Trends, Lifestyle, Kosmetik, Food und Fotostrecken mit der aktuellen Mode - nur dass man sie nicht kaufen, sondern selbst nähen kann.

"Wir merken, wie sehr sich die Nähszene verändert hat", sagt Kreativdirektor Anastasios Voulgaris. "Bei unseren Lesern sind viele Anfänger dazugekommen. Da muss man eine gute Balance finden. Für die Neuen dürfen unsere Schnitte nicht zu schwer, für die versierten Leserinnen nicht zu leicht sein." Während andere Zeitschriften sich die Teile für ihre Fotoshootings vom jeweiligen Label ausleihen, müssen bei Burda Style erst die Schnitte entworfen und die Kleider geschneidert werden. "Pro Ausgabe nähen wir etwa 45 Modelle", sagt Voulgaris. Das dauert natürlich. Gerade kommt er von der Stoffmesse in Paris, er entscheidet schon im Februar, aus welchen Materialien die Looks für den Sommer 2018 genäht werden. "Wir kaufen oft bei denselben Lieferanten wie die großen Designer. Manchmal heißt es, einen bestimmten Stoff können wir nicht bekommen, weil Prada oder Chanel ihn schon geordert hat."

Mit berühmten Häusern hatten sie bei Burda schon mehrfach zu tun. So gab es Kooperationen mit Karl Lagerfeld, Wolfgang Joop oder Antonio Marras, die Schnittmuster aus ihren Kollektionen zur Verfügung stellten. Weil aber für die neue, junge Nähgemeinschaft das meiste digital abläuft, gibt es auch bei Burda die Schnittmuster zum Downloaden samt großer Online-Community. Wie beruhigend, dass aber das Alte immer noch gut ankommt. Kürzlich haben sie eine Vintage-Reihe herausgegeben, mit den wichtigen Schnitten vergangener Dekaden. Das Mondrian Dress von Yves Saint Laurent war zwar nicht dabei, aber die Sechzigerjahre liefen am besten.