Dessous Die Scheu der Frauen vor großen Körbchen

Wie finde ich die perfekte BH-Größe? Ausmessen heißt das Zauberwort.

(Foto: staras/Fotolia)

Sara stellt mit 40 Jahren fest, dass sie immer die falsche BH-Größe getragen hat. So geht es vielen Frauen. Doch es gibt Abhilfe.

Von Ruth Schneeberger

Sara steht in einem Dessous-Laden in Berlin Mitte und kann es nicht fassen: 70 C statt 85 B. Kann das wirklich wahr sein? Die Verkäuferin bringt einen BH nach dem anderen, manche scheußlich, andere hübsch, aber die Größe ist immer dieselbe - und sie passt wie angegossen.

Kein Wunder, schließlich wurde Sara zuvor fachgerecht "ausgemessen", wie das im Wäschefachverkäuferinnen-Jargon heißt. Dazu wird ein Maßband recht straff um den Brustkorb gelegt, einmal unter der Brust, einmal über die Mitte. Die Zahl steht für den sogenannten Unterbrustumfang, der Buchstabe für die Körbchengröße. Ihren BH ablegen muss sie dazu nicht, nur gepolstert sollte er nicht sein, das verfälscht.

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Nun ist Sara, 40, aus Berlin, die ihren vollständigen Namen hier nicht lesen möchte, also eine 70 C. Und hat somit die Hälfte ihre Lebens die falsche BH-Größe getragen. Das verblüfft sie selbst am meisten. Klar habe sie öfter mal BHs in verschiedenen Größen anprobiert, sich aber in der von ihr selbst ausgesuchten Größe immer wohl gefühlt. Mehr oder weniger. Um das Thema hat sie sich sonst nicht groß gekümmert.

Bis sie ein Schild mit der Aufschrift "Heute BH-Fitting kostenlos" in den Wäsche-Laden lockte. Also ist Sara hineinspaziert. Und kam mit einer besseren Figur heraus, ganz ohne Schönheits-OP. Denn eine 70 C steht nach aktuellem Mode- und Figurverständnis für attraktivere Maße als eine 85 B: Der Oberkörper ist deutlich schmaler als gedacht, der Busen größer. Oder etwa nicht?

Die Hamburgerin Laura Gollers kennt das Problem, dass die meisten deutschen Frauen - bis zu 80 Prozent - die falsche BH-Größen tragen. Weil sie entweder ihre richtige Größe nicht kennen oder es diese schlicht nicht zu kaufen gibt. Auch sie und ihre Schwester Sabrina Schönborn, mit einer nach durchschnittlichen Vorstellungen großen Oberweite gesegnet, wurden in herkömmlichen Wäscheläden nie richtig fündig. Sie haben alles ausprobiert: Internet-Versand, Boutiquen im Ausland, Marken für Extra-Größen. So gut wie nie war etwas dabei, das passte - und dabei nicht nach Brustpanzer oder Sex-Shop aussah.

Immer mehr Frauen fürchten sich vor XL

Also gründeten die Schwestern kurzerhand eine eigene BH-Linie und wurden damit sogar ein bisschen berühmt: Als "Sugarshapes" eroberten sie 2016 die "Höhle der Löwen" und gewannen die TV-Show auf VOX, bei der Firmengründer mit erfolgsversprechenden Startup-Ideen gesucht werden. Der Deal mit dem Investor ist nach der Show zwar geplatzt. Der TV-Auftritt hat sich trotzdem ausgezahlt: Dreimal so viele Bestellungen wie zuvor gingen seither bei ihnen ein, erzählt Gollers, die ihre Wäsche selbst entwirft.

Die Kulturwissenschaftlerin weiß: "Viele Frauen haben ein vorgefertigtes Bild von Cup-Größen. Das geht so weit, dass manche eine 90 A tragen, in Wirklichkeit aber eine 70 E bräuchten. Sie sehen sich gar nicht in dieser Größe." Das liege auch daran, dass Körbchengrößen in der Gesellschaft ähnlich stark emotionalisiert würden wie Kleidergrößen. Immer mehr Frauen würde gerne in XS passen - und fürchten sich wahnsinnig vor XL.