Designprodukte für den Alltag Sind wir hier im Baumarkt?

Warum sehen Produkte im Nostalgiekaufhaus oft so klobig aus? Viele Läden konzentrieren sich wieder auf einfaches, gutes Design - Alltagsgegenstände sollen zukünftig vor allem funktional, nachhaltig und nicht teuer sein.

Von Markus Zehentbauer

Die Alltagsgegenstände, die im Londoner "Jasper Morrison Shop" verkauft werden, gelten als wahre Designobjekte.

(Foto: Nicola Tree)

Wie aus vielen anderen alternativen Projekten ist auch aus Manufactum das geworden, was es eigentlich nie werden wollte: ein Ort des Überflusses. Wer heute eine Manufactum-Filiale betritt, findet sich zwischen überbordenden Regalen und Eichenholzvitrinen wieder, in denen man oft sehr lange auf der Suche nach diesem oder jenem ist. Das Geschäft mit der Nostalgie ist einträglich - auch wenn die Geschäftsführer im Vorwort des neuen Katalogs beteuern, es gehe ihnen gerade nicht um den "verklärten Blick auf vergangene bessere Zeiten".

1988 war Manufactum-Gründer Thomas Hoof noch angetreten, der Banalisierung der Produkte etwas entgegenzusetzen: Die "guten Dinge" - also: traditionell von Hand hergestellt, materialgerecht verarbeitet, solide, qualitativ hochwertig und langlebig - waren als Antwort auf die anonyme Massenware gedacht. Deshalb kauft man bei Manufactum auch immer die Geschichte ihrer Herkunft mit. Doch was dabei immer häufiger übersehen wird, ist die gestalterische Qualität der Dinge. Muss man ein Radiogerät wirklich in einen Rahmen aus Holz stecken? Wozu braucht ein Ringordner einen Rücken aus blitzendem Stahl? Und warum sehen diese Brotkästen aus Birnbaumholz so dermaßen altbacken aus?

Wenn Handwerk und Material so übertrieben zur Schau gestellt werden, wirkt das nicht selten überflüssig. Wo ist bloß das Einfache, das Elegante hin? Nur gut, dass es inzwischen einige Läden gibt, die genau an dieser Stelle ansetzen. Sie greifen die Idee von Manufactum auf, konzentrieren sich aber viel mehr auf das Design. Die "Edition Populaire" in Zürich, das "Utensil" in Köln und der Londoner "Jasper Morrison Shop" bieten einfache alltägliche Dinge an, die man in einem Ramschladen oder im Baumarkt vielleicht übersehen würde. Erst hier aber, in einen neuen Kontext gestellt, wird ihre elementare Ästhetik sichtbar.

Supernormal schlägt nostalgisches Design

Dort gibt es sie: sorgfältig ausgewählte Dinge von schlichter, verständlicher Gestalt, deren Entwerfer oft gar nicht bekannt sind. Gegenstände wie ein billiger italienischer Plastikeimer mit Ausgießöffnung, Gläser aus dem Labor oder Standards aus der Gastronomie. Im Grunde genommen sind es Readymades, Alltagsobjekte, die sich in neuer Umgebung auf einmal in Designobjekte verwandeln.

Der Designer Jasper Morrison hat das neue Interesse an solchen ganz normalen Dingen schon vor Jahren dokumentiert. Zusammen mit seinem japanischen Kollegen Naoto Fukasawa sammelte er auf der ganzen Welt Stücke für eine Ausstellung, die sie "Super Normal" nannten. Einige Teile verkauft er neuerdings in einem direkt an sein Londoner Studio angrenzenden Shop, präsentiert auf rohen Holzboxen und hängend an Lochplatten, wie man sie sonst von Werkzeugläden kennt. "Die Designwelt ist abgedriftet von der Normalität", sagt Morrison, es gehe nur noch um das "kreative Ego", um Expression und vordergründige Auffälligkeit. Dabei könnten gerade die Designer von anonymen, alltäglichen Dingen so viel lernen, etwa, dass Archetypen nicht unbedingt durch die Form, sondern erst durch den Gebrauch entstehen.

Supernormal sind für Morrison solche Dinge, die man gar nicht als etwas Neues wahrnimmt, auch wenn sie genau das vielleicht sind, sondern als etwas, was schon immer da gewesen ist. Selbstverständliche Gegenstände, die über Jahrzehnte unverändert geblieben sind, die alle Produktzyklen, Moden und Redesigns überdauert haben, ganz einfach deshalb, weil sie nicht zu verbessern sind. Oder aber: völlig neue Entwürfe, die von eben diesen abgeleitet werden. Genau wie das alte Weinglas, das Morrison einst bei einem Trödler entdeckte: ein Objekt, an dem auf den ersten Blick kein besonderer Gestaltungswille erkennbar ist. Seine Klarheit und Einfachheit war aber von einer so profanen Schönheit, dass es Morrison irgendwann abformte; inzwischen wird es von Alessi produziert.