Gebildetes Pferd Der kluge Hans

Zählen mit den Vorderhufen: Wie der Berliner Mathematiklehrer Wilhelm von Osten einem Pferd angeblich das Rechnen und Lesen beibrachte.

Von Florian Welle

Selbstverständlich können Tiere in der Literatur, im Comic und Cartoon reden und abstrakt denken. Zum Beispiel bei Cervantes im Dialog zwischen den disputierfreudigen Hunden Scipio und Berganza. Oder bei Lucky Luke. Was wäre der smarte Cowboy ohne sein extravagantes Pferd Jolly Jumper, das sogar Schach spielen kann! Nur Loriots Hund Bello hat so seine Schwierigkeiten mit dem Sprechen. Mehr als "hoho ho hoho" will ihm nicht recht über die Zunge kommen, und das, obwohl er vier Jahre täglich Unterricht erhielt, Atemtechnik inklusive.

Viel begabter war da der Vierbeiner, von dem der Zoologe Carl Georg Schillings im Sommer 1904 schwärmte: "Das Tier liest perfekt, rechnet ausgezeichnet, beherrscht die einfache Bruchrechnung und erhebt Zahlen bis zur dritten Potenz . . ., versteht die deutsche Sprache und hat sich überhaupt eine Summe von Begriffen und Vorstellungen angeeignet, die unsern bisherigen Ansichten über die Psyche der Equiden in keiner Weise entsprechen." Der Lobgesang war einem Pferd gewidmet, das man nach einem Grimmschen Märchen Kluger Hans getauft hatte. Seine Hymne trug Schillings auf einem Zoologenkongress in Bern vor. Die Reaktion der Kollegen? Sagen wir: verhalten.

Dass mit dem selbständig denkenden und rechnenden Pferd völlig Ungewöhnliches, ja, Revolutionäres vorlag, damit hatte Schillings recht. Die Frage war: Stimmte es, was er da herausposaunte? Wie gescheit der Kluge Hans wirklich war, scheuchte die wilhelminischen Gelehrten auf und spaltete sie in Befürworter und Gegner. Natürlich war die Geschichte ein Fressen für die Presse. Die Berliner Morgenpost schwadronierte erst "vom achten Weltwunder in Pferdegestalt", ehe sie dann ins feindliche Lager überwechselte: "Es ist geradezu unglaublich, was Männer der Wissenschaft, was Pferdekenner, was welterfahrene Leute über Hans zusammengefabelt haben und unentwegt zusammenfabeln. Hans ist nicht intelligenter als andere Gäule auch . . . "

Der Hengst muss ein Streber gewesen sein. Nur drei Jahre drückte das Pferd die Schulbank

Die Person, die das lautstarke Gewieher ausgelöst hatte, war Wilhelm von Osten, ein ehemaliger Elementarschullehrer. In den 1890er-Jahren hatte er seinem Droschkenpferd Hans das Zählen bis fünf beigebracht und war darüber auf den Geschmack gekommen. Hans starb 1895 an Darmverschlingung, und der knorrige Pädagoge mit dem hellgrauen Schlapphut schaffte sich wenige Jahre später einen Orlow-Traber an: Hans II., der Kluge. Das Tier hatte Osten nicht etwa wegen des schwarzen Fells ausgesucht, oh nein. Die hohe Stirn hatte es ihm angetan, galt diese doch nach Franz Joseph Gall und dessen damals populärer Schädel(irr)lehre als untrügliches Zeichen für Intelligenz.

Der Hengst muss ein richtiger Streber gewesen sein. Zügig machte er Fortschritte im Lesen und Rechnen. Gerade mal drei Jahre drückte er die Schulbank, ehe Osten die Öffentlichkeit informierte. "Als Hans nach Verlauf eines Jahres eine Reihe von Zahlen . . . begriffen hatte, begann die Rechenkunst", heißt es in Karl Kralls Buch "Denkende Tiere" von 1912.

Weiter: "Hans lernte zu zählen, indem sein Herr beispielsweise auf den Tisch rechts vier, links zwei Kegel stellte und diese letzten durch ein Kistchen verdeckte. Dann sagte er: ,Vier und zwei sind sechs'; bei dem Worte ,und' hob er die Kiste hoch und zeigte dem Pferde, mit hinweisender Handbewegung, die bis dahin verdeckten Kegel. So lernte es die Bedeutung des ,Und' im Rechnen kennen." Der gelernte Juwelier Karl Krall war nach dem Tod Ostens 1909 einer von dessen unermüdlichen Verteidigern. Er führte die Studien mit Hans fort, um schließlich für sich zu dem Ergebnis zu gelangen: "Die einzige Erklärung, die allen Leistungen des Pferdes gerecht zu werden vermag, ist die Annahme einer selbständigen Denktätigkeit des Tieres."

Das freilich sahen viele Wissenschaftler schon zuvor ganz anders - sofern sie sich überhaupt herabließen und den Einladungen des Lehrers nach Berlin folgten, um den Klugen Hans in einem Hinterhof zu inspizieren. Allerdings wurde dies im September 1904 immer unvermeidlicher, da sich auch der Kaiser für das clevere Pferd zu interessieren begann, das durch sein angebliches Denkvermögen die anthropologische Sonderstellung des Menschen infrage zu stellen drohte. So setzte der Geheime Regierungsrat Carl Stumpf, der Gründer des Berliner Psychologischen Instituts, eine dreizehnköpfige Kommission aus Zoologen, Tierärzten, Lehrern, hochrangigen Militärs und einem Zirkusdirektor zusammen.

Am 11. und 12. September untersuchten sie den Klugen Hans jeweils mehrere Stunden lang. Das einzige, was die Experten danach zu sagen vermochten, war, dass der ungewöhnliche Fall mit Dressur im hergebrachten Sinne nichts zu tun und daher eine ernsthafte und eingehende wissenschaftliche Untersuchung verdient habe.

Die lieferte kurze Zeit später der Student Oskar Pfungst, nachdem er gemeinsam mit Carl Stumpf und dessen Assistenten den Hengst mehrere Wochen lang auf Herz und Nieren geprüft hatte. Im Gutachten, das zwei Jahre später in Pfungsts Buch "Das Pferd des Herrn von Osten. Ein Beitrag zur experimentellen Tier- und Menschen-Psychologie" Eingang fand, heißt es unmissverständlich: "Das Pferd kann also nicht zählen, rechnen und lesen . . . Es muss im Laufe des langen Rechenunterrichts gelernt haben, während seines Tretens immer genauer die kleinen Veränderungen der Körperhaltung, mit denen der Lehrer unbewusst die Ergebnisse seines eigenen Denkens begleitete, zu beachten und als Schlusszeichen zu benutzen. Die Triebfeder für diese Anstrengung seiner Aufmerksamkeit war der regelmäßige Lohn in Gestalt von Mohrrüben und Brot."