Dem Geheimnis auf der Spur Böser Mann an Bord

Ein Unvollendeter: Orson Welles mit Jeanne Moreau im Film "The Deep".

(Foto: Orson Welles/Filmmuseum München)

Orson Welles drehte einst auf zwei Yachten im Mittelmeer "The Deep". Ein Meisterwerk - nur leider ist der Film nie fertig geworden.

Von Fritz Göttler

Explosive Flitterwochen, auf einer kleinen Yacht im Mittelmeer. Ein kompakter kleiner Thriller, vor Ort gedreht vom großen Orson Welles Ende der Sechziger. "The Deep" heißt der Film, nach einem Buch von Charles Williams, er ist eines der großen Verwirrstücke im Werk von Welles, eines der großen Geheimnisse der Kinogeschichte. Es ist ein unsichtbarer Film, bislang.

Als Welles aufhörte, an dem Film zu arbeiten, fehlte noch die Explosion, die das Schiff zerstört

Die Filmgeschichte ist voller Lücken und Verluste, und voller Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass man manche Zerstörung wieder gutmachen und manch Verlorenes wiederfinden kann. Die Digitalisierung hat es leichter gemacht, Filme zu säubern, zu ergänzen, zu rekonstruieren - wieder ansehnlich zu machen. "The Deep" ist ein besonderer Fall, es gibt den Film und es gibt ihn eigentlich nicht. Welles hat ihn damals nicht fertiggedreht, die spektakuläre Schlussexplosion fehlt, die endgültige Montage. Es gab immer zu viele Projekte für ihn, zu viel gleichzeitig, zu viel, das er alles selber machen wollte. Welles wollte die Leute bezaubern, in seinen Bann ziehen, einem orientalischen Märchenerzähler gleich. Er wollte ein Kino, das schnell und effektiv sein sollte, so wie er es bei Shakespeare gelernt hatte, seinem Lieblingsautor. Wenn er mal plötzlich Geld hatte und keine Story parat, kaufte er sich auf dem nächsten Bahnhof einen kleinen Hardboiled-Krimi dafür. Außerdem fürchtete er, daher die nervös vibrierende Spannung seiner späten Filme, dass ihm Agenten der amerikanischen Steuerbehörde hinterher sein könnten - Filme auf der Flucht, das ist die ganz besondere Kunst des Orson Welles.

Viele Filme hat er noch nicht ganz fertig hinter sich gelassen, unterwegs zum nächsten Projekt, sie wurden von den Produzenten und Studios weiterbearbeitet und natürlich verstümmelt, wie die meisterlichen "Magnificent Ambersons" oder der Südamerika-Film "It's All True". Viele Filme hat er über Jahre hinweg und an diversen Locations gedreht, Roadmovies der eigenen Art, die er mit sich schleppte und bei denen subtiler Sinn für Montage schließlich die Brüche kaschieren müsste. So wie bei "Othello". Oder bei "Mr. Arkadin", dem genialen Porträt eines frühen globalen Geschäftsmanns, Mitte der Fünfziger quer durch Europa, auch in München gedreht. Und dann gab es die Filme, die er nicht fertigbekam, wie sein "Don Quijote" oder "The Deep".

Orson Welles war ein impulsiver, ein Start-up-Filmemacher. Seit vielen Jahren hat es sich nun Stefan Drößler, Leiter des Münchner Filmmuseums, zur Aufgabe gesetzt, die unfertigen Unternehmen zu einem Ende zu bringen. Was Welles hinterlassen hat, lagert inzwischen im Münchner Filmmuseum, wird dort gesichtet und bearbeitet, auf Tagungen oder in Welles-Retrospektiven in aller Welt gezeigt. Auch von "The Deep" hat Stefan Drößler in mühevoller Kleinarbeit eine Fassung hergestellt, man bekommt sie selten zu sehen, es gibt Rechtsprobleme.

Wann ist ein Orson-Welles-Film ein Orson-Welles-Film? "The Deep" wurde zwischen 1966 und 1969 auf zwei Yachten vor der dalmatinischen Küste gedreht, eine groteske, perverse Geschichte. Ein junges Paar, gespielt von Michael Bryant und Oja Kodar, der jungen Lebensgefährtin von Welles, ist auf Hochzeitsreise, auf dem kleinen Schiff Saracen. Windstille, Stagnation, sie glauben, dass sie völlig für sich sind. Dann ein anderes Schiff, ein Boot setzt über, ein Mann kommt an Bord, von stiller Unberechenbarkeit. Auf meinem Schiff ist alles tot, sagt er. Aber als der junge Ehemann selber zu diesem Schiff hinrudert, findet er dort ein weiteres Paar, gespielt von Orson Welles und Jeanne Moreau. Zu spät bemerkt der Junge seinen Fehler - wie der Fremde, sexy gespielt von Laurence Harvey, auf seinem Schiff die Frau gefangen nimmt und sich mit ihr davonmacht. Die diabolische Fantasie eines verliebten Filmemachers . . . (Im Jahr 1989 gab es eine zweite Verfilmung des Romans von Charles Williams, "Dead Calm", von Philip Noyce mit Nicole Kidman.)

Als Welles aufhörte, an dem Film zu arbeiten, fehlte noch die Explosion, die eines der Schiffe zerstörte, die Dialoge der Männer hatte er teilweise selbst nachsynchronisiert, bei einigen Tonaufnahmen war das Surren der Kamera zu hören. Jahre später ging das Originalnegativ verloren, es blieben nur zwei schlechte Arbeitskopien, eine in Farbe, eine schwarz-weiß. 1973 starb Laurence Harvey, so gab es keine Chance auf Nachaufnahmen mehr.

Gibt es "The Deep" nun oder nicht, wann fängt ein Orson-Welles-Film an, ein Orson-Welles-Film zu sein? Stefan Drößler hat vor Jahren das Material geprüft und eine Fassung hergestellt, die Brüche sichtbar lassen muss. "Man kann einen Orson-Welles-Film nicht fertigstellen", sagt er, "man kann nur eine Interpretation hinkriegen, die so treu wie möglich Welles' Originalversion ist. Das erfordert das Studium aller Materialien, Dokumente, Drehbücher, Dialoglisten, man muss mit den Leuten sprechen, die bei der Produktion dabei waren."

Orson Welles war fasziniert von dem Spiel in engen Räumen und vor weitem Himmel, er hat mit seiner Cameflex Perspektiven ausprobiert, die Kameraeinstellungen aber seinem Kameramann Willy Kurant frei überlassen. Genial changiert der Film zwischen Amateur- und professionellem Filmemachen, schafft ein Kino von besonderer Transparenz, erotisch und komisch. Was Truffaut begeistert über "Mr. Arkadin" schrieb, kann man auch von "The Deep" sagen: "In diesem schönen Film spürt man Orson Welles' Atem hinter jedem Bild, die Spur von Wahnsinn und die Spur von Genie, seine Macht, seine umwerfende Gesundheit und seine korpulente Poesie."