Das Geheimnis Um acht Ecken gedacht

Einer Krone gleich thront Castel del Monte über Apulien.

(Foto: mauritius images)

Zu welchem Zweck ließ Kaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert das berühmte Castel del Monte in Apulien bauen? Über die Architektur kann man bis heute staunen.

Von Florian Welle

Erlöser und Antichrist: Schon zu Lebzeiten polarisierte Friedrich II. Herrschaftliches Lob und päpstliche Verteufelung setzten sich auch nach dem Tod des Stauferkaisers 1250 fort. Galt er den einen als kunstsinniger Feingeist und Förderer der Wissenschaften, war er für andere ein brutaler Despot. Stupor Mundi - das Staunen der Welt nannten ihn schon seine Zeitgenossen. In dem Urteil mischt sich Bewunderung mit Angst.

Staunen ist auch die erste Regung, die jeden Apulien-Reisenden überkommt, der das berühmteste Bauwerk Friedrich II. besichtigt: Castel del Monte. Der Kaiser überzog sein Herrschaftsgebiet mit einem Geflecht aus Burgen. Von ihnen sind wenige erhalten geblieben. Das Castel del Monte als beispielloser Höhepunkt von Friedrichs architektonischem Streben hat hingegen die Zeitläufte überstanden. Wenn auch nicht ohne Schaden. Ehe der italienische Staat den Bau 1876 kaufte, war er Plünderern schutzlos ausgeliefert. Vor allem die prachtvolle Innenausstattung fiel ihnen weitgehend zum Opfer. Zudem diente er lange Zeit Hirten als Unterschlupf. Mittlerweile umfangreich restauriert, wurde das Kastell 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

Die Beschreibung der Anfahrt gehört zum festen Bestandteil der Castel-del-Monte-Literatur

Seit der Schriftsteller und Historiker Ferdinand Gregorovius in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Besuch der Burg in blumige Worte goss, gehört die Beschreibung der Anfahrt zum festen Bestandteil der Castel-del-Monte-Literatur. "Von der Küste wie vom Flachlande aus sieht man überall, schon auf Meilenweite, aus jener niederen Bergkette einen pyramidenförmigen baumlosen grünen Hügel sich erheben, auf seiner Spitze ein einsames Schloß tragend", heißt es bei Gregorovius. Und weiter: "Als weithin sichtbares, die unermeßliche Ebene beherrschendes Wahrzeichen nennt es das Volk das Belvedere oder den Balkon Apuliens. Man könnte es noch passender die Krone Apuliens nennen."

Zweifellos trägt die erhabene Lage Castel del Montes südlich der Stadt Andria zum Faszinosum bei, das das Gebäude bis heute umgibt. Doch es ist vor allem die einzigartige Architektur selbst, ihre harmonische Klarheit und Strenge, die in Bann schlägt: ein zweigeschossiges Achteck um einen offenen Innenhof, das an seinen Ecken jeweils achteckige Türme besitzt. Jedes Stockwerk besteht seinerseits aus acht gleichgroßen trapezförmigen Sälen, die in ihrer Mitte ein Quadrat mit Kreuzrippengewölben aufweisen. Es ist diese oktogonale Struktur, die den gleichermaßen schwerelosen wie trutzigen Baukörper - das Hauptportal gleicht einem Triumphbogen - wie einen riesigen steingewordenen Kristall erscheinen und bei entsprechendem Lichteinfall leuchten lässt.

Eigentlich könnte man die Krone Apuliens in Abwandlung der Ritter-Sport-Werbung mit den Worten "praktisch, achteckig, gut" umschreiben, wäre das mit dem Praxisbezug nicht so eine verflixt komplizierte Sache. Denn bis heute rätseln die Experten über die Funktion des Gebäudes, das etwa zwischen 1240 und 1250 errichtet, aber von Friedrich II. nie bewohnt wurde. Quellen, die einen Aufenthalt des Kaisers belegen würden, gibt es jedenfalls nicht. Sollte Castel del Monte der Verteidigung dienen? War es Friedrichs Leidenschaft der Jagd (mit und ohne seinen geliebten Falken) vorbehalten? Oder war es als weithin sichtbares Herrschaftszeichen gedacht? Für eine Residenz war es auf alle Fälle zu klein.

Gegen eine militärische Nutzung spricht, dass das Kastell weder eine Zugbrücke noch Zinnen und schon gar keine Vorratskammern besitzt. Zudem sind die Wendeltreppen im Inneren linksherum gedreht. Im Angriffsfall wäre dies fatal gewesen - der Gegner hätte seine Waffe ohne Probleme mit der rechten Hand zücken können. Zu einem Jagdschloss gehören wiederum Räumlichkeiten zum Ausnehmen der Tiere. Die aber fehlen.

Einiges spricht dafür, dass Friedrich die oktogonale Grundform wählte, um einen architektonischen Bezug zur Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen herzustellen, in der er 1215 mit der wiederum achteckigen Reichskrone zum deutschen König gekrönt wurde. Zudem hängt in Aachen ein achteckiger Leuchter, den einst sein Großvater Barbarossa anlässlich der Heiligsprechung Karls des Großen gestiftet hatte. Da das Achteck sinnbildhaft für das himmlische Jerusalem stand, hätte Castel del Monte in den Worten des Friedrich-Biografen Wolfgang Stürner, jedem, der es erblickte, "das letzte Ziel der Christenheit in Erinnerung" gerufen "oder aber die Macht des Imperiums, dessen kaum fassliche Autorität und Würde vor Augen gestellt".

Unter den fantastischen Spekulationen wiederum, die sich hartnäckig um den Bau ranken, steht die Ansicht, das Kastell sei eine Sternwarte gewesen, weit oben. Dies trotz der Ergebnisse, die die Forschungsstelle "Castel del Monte" der Heidelberger Akademie der Wissenschaften von 1990 an zusammentrug. Das Fazit: "Die postulierten astronomischen Bezüge in Lage und Ausrichtung von Castel del Monte sowie im Bauwerk selbst existieren offensichtlich nicht." Bedenkenswert ist dafür die Entdeckung, dass die Nord-Süd-Achse des Gebäudes auf den Campanile des Doms von Andria zeigt, in dem zwei von Friedrichs Gemahlinnen ihre letzte Ruhe fanden: 1228 Isabella II. und 1241 Isabella von England. "Er mag also die Orientierung des Bauwerks bestimmt haben."

Die bekannteste Burg Friedrichs II. wird auch weiterhin die Gemüter beschäftigen und inspirieren. So wie einst die Crew, die Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" verfilmte. Für einen der zentralen Schauplätze, den 30 Meter hohen Bibliotheksturm, gab es nur ein Vorbild: Castel del Monte.