Büro Zu Tisch, bitte!

Kräftig durchlüften im Kopf: Auch darum geht es beim Tischfußball im Büro. Und natürlich um die Fähigkeit, Niederlagen einstecken zu können.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Früher spielte man Tischfußball in Kneipen, jetzt machen Start-up-Firmen den Kicker im Büro populär. Macht das Spielen während der Arbeit kreativer?

Von Marc Baumann

Unvergessen der Moment, als man damals als Praktikant den Siegtreffer zum 9:0 erzielte. Denn es gab diese Regel: "Die Mannschaft, die eine Partie zu Null verliert, kriecht zur Strafe unterm Kickertisch durch." An sich lustig. Nur: der Chefredakteur hatte eben 0:9 verloren. Er trug Anzug, unterm Kickertisch hingen Staub und Spinnweben. Betretenes Schweigen im Raum, "also, du musst jetzt nicht ...", begann jemand, zu spät: der Chef war unterm Kicker verschwunden. Dafür eignet sich Tischfußball auch: als Charaktertest. Wer kann verlieren, wer nicht? Wer verträgt einen spöttischen Kommentar, wer grüßt danach zwei Tage nicht mehr? Wer glaubt selbst bei 1:8 noch an den Sieg, wer gibt bei 1:4 auf? Personaler sollten beim Vorstellungsgespräch statt Fangfragen vielleicht mal einen Kickertisch stellen.

Pädagogen wissen um die verbindende Wirkung des Tischfußballs, ein Landschulheim oder ein Jugendzentrum ohne Kicker ist kaum zu finden. Und Kneipenwirte sehen nicht mal in der Kombination Tischfußball plus Alkohol einen bedenklichen Konfliktherd. Aber wenn bei der Berliner Firma Kickerkult Tischkicker bestellt werden, verschickt Inhaber Oke Harms die Geräte inzwischen am häufigsten an Firmen, bei Start-ups sei der Office-Kicker quasi Pflicht. Junge Firmengründer richten ihre Büros gerne bunt wie Kinderzimmer ein: voller Sofa-Ecken, Videospielautomaten und eben Tischkickern. Im Google-Neubau am Münchner Hauptbahnhof steht einer, in den US-Firmensitzen auch, dort sagt man Foosball dazu. Und weil die jungen Techfirmen mit ihrer neuen Kapuzenpullihaftigkeit so dermaßen erfolgreich sind, möchten jetzt auch viele schwäbische oder niederrheinische Mittelständler ein bisschen Start-up-Geist im Haus haben. Da ist der Tischkicker der einfachste Weg, sich für 800 Euro ein bisschen moderner und mitarbeiterfreundlicher zu fühlen.

Moment, alles Augenwischerei: Kickertische und bunte Loungemöbel sind nur ein billiger Trick, den Mitarbeitern das Büro als gemütliches Ersatzzuhause einzureden, damit die sich Überstunden und Nachtschichten als cooles Happening und Teamspirit schönreden, schreiben Kritiker der neuen Start-up-Bürokultur. "Aufgezwungener Spaß", nennt ein Angestellter in einem Blogbeitrag die Tischkicker.

Ist der Kicker nur eine Kreativitätsillusion oder eine sinnvolle Abwechslung im Arbeitstag? Aus eigener Erfahrung kann man sich an einem Antwortversuch probieren. Also: Eine Partie von je zehn Minuten spielt man ungefähr pro Tag. Ergibt aufs Jahr etwa 2300 Minuten, also 38 Stunden, eine ganze Arbeitswoche nur Kickern. Ziemlich viel. Aber auch nicht mehr als Raucherpausen. Und Kickerpausen sind zumindest gesünder. Am Ende eines hart umkämpften Satzes kommt man tatsächlich ins Schwitzen. Weswegen man Kickertische übrigens nicht in kleine, fensterlose Räume stellen sollte, die kriegen dann schnell den Spitznamen "Pumakäfig", mal aus Erfahrung gesprochen.

Darum geht es ja überhaupt beim Büro-Kickern: kräftig durchlüften im Kopf. Start-up-Unternehmen mögen Tischfußball so gerne, weil ihre Mitarbeiter sehr viel Zeit mit Programmieren verbringen, wobei sie hochkonzentriert auf endlose Buchstabenreihen auf Monitore starren. Kurze Zeit nicht an die Arbeit denken geht beim Kickern besser als bei Raucherpausen.

Und die Kreativität? Vier uninspirierte Angestellte an den Kickertisch zu stellen und fünf Spielminuten später haben sie dann die Idee des Jahres - das funktioniert natürlich nicht. Das Kickern selber macht überhaupt nicht kreativ, es blockiert im Gehirn nämlich alle ernsthaften Gedanken, weil die Spielgeschwindigkeit zu hoch ist, um an viel mehr als an den Abprallwinkel des Balls und einen guten Spruch für den Gegner zu denken, wenn man das Ganze halbwegs ernst nimmt. Ein in nachdenklicher Stille verlaufendes Tischfußballspiel gibt es zudem nicht. Es wird ständig kommentiert, verspottet, geschrien.

Diese zehn Minuten können der lustigste Moment des Tages sein

Eine Münchner PR-Firma hat im Sommer auf einer Terrasse in der Maxvorstadt einen Kickertisch stehen, die Torschreie der Mitarbeiter hört man im halben Viertel. Gegen den Lärm gibt es darum schon besonders leise Tischkicker mit geräuschärmeren Bällen, noch mehr hilft ein Raum mit halbwegs dicken Wänden in einer wenig frequentierten Ecke des Büros. Und ohne die erste Chefmahnung abzuwarten, sollte man vereinbaren, dass ein bis zwei kurze Partien am Tag in Ordnung sind, sieben bis neun aber etwas viel wären.

Aber dann können diese zehn Minuten der lustigste Moment des Tages sein. Gut, es gibt auch quälend lange Spiele, wenn man die drei Tricks des Gegners auswendig kennt, aber selbst dann hat das Kickern oft diese leicht berauschende Wirkung. Denn das Spannende daran sind nicht die Tore, sondern die Gespräche. Die Lockerheit, die so selten am Arbeitsplatz entsteht. Das gegenseitige Aufziehen des anderen, das viel Feingefühl verlangt. Aber gut gemacht kann der "Trashtalk", wie Amerikaner sagen, ein unterhaltsames Wortgefecht über Jobhierarchien hinweg werden. Dann ist man mit dem Kollegen aus dem anderen Flur, der Kollegin zehn Zimmer entfernt tatsächlich ein Team. Das geht auch bei einer krachenden Niederlage, die kann genauso zusammenschweißen wie Tore. Es geht um dieses Gefühl, wenn man dem anderen auf die Schulter klopft, weil der einfach jeden Ball pariert hat - oder eben keinen.

Die Freude am Kickern hat dabei gar nichts mit Frust am Job zu tun, es ist vielmehr eine Art große Pause, wie es sie früher in der Schule gab. Warum gemeinsame Pausen nur etwas für das Alter von sechs bis 18 Jahre sein soll, aber von 19 bis 65 nicht vorgesehen sind, muss mal jemand erklären. Der Kickertisch ist wie ein sehr kleiner Pausenhof, den man in der Firma errichtet. Eineinhalb Quadratmeter fröhliche Anarchie.