Buch über Frauenmode Nicht für Mädels

Leanne Shapton, eine der drei Autorinnen. Die Grafikerin aus Toronto hat den Band auch illustriert.

(Foto: Heike Steinweg)

Das Buch "Frauen und Kleider" ist wohl das Klügste und Überraschendste, was es derzeit über Mode zu lesen gibt. Die Autorin Leanne Shapton über Gewissensbisse beim Shoppen und zeltartige Mummy Coats.

Von Jenny Hoch

Man könnte meinen, über Frauen und Klamotten sei alles gesagt. Stimmt nicht - das beweist das großartige Buch "Frauen und Kleider" auf mehr als 400 Seiten. Die Autorinnen Sheila Heti, Leanne Shapton und Heidi Julavits sind Schriftstellerinnen und stammen aus Kanada beziehungsweise den USA. Leanne Shapton, 42, ist außerdem Illustratorin und war früher für die Gestaltung der Meinungsseite der New York Times zuständig.

Dieser Hintergrund erklärt den ungewöhnlichen Zugang zum Thema: Die drei wollten herausfinden, warum sich Frauen so anziehen, wie sie sich anziehen - und was sie sich dabei denken. Dafür schickten die Autorinnen Fragebögen an rund 600 Frauen aus den unterschiedlichsten Milieus, darunter an Künstlerinnen wie Cindy Sherman oder die Regisseurin Lena Dunham ("Girls"). Dazu kommen Interviews, Illustrationen und Schautafeln privater Kleidersammlungen - etwa von 16 Paar halbhoher Vintage-Schuhe oder von exakt 19 Streifenoberteilen.

Das Buch ist mehr psychologische Tiefenbohrung als hippes Coffeetable-Book. Und es ist wohl das Klügste und Überraschendste, was es über Mode zu lesen gibt.

SZ: Sie lassen Hunderte Frauen über ihre Garderobe reden, ohne ein einziges Bild der Interviewten zu zeigen. Warum?

Leanne Shapton: Wir wollten keine coolen Styles oder Labels präsentieren, sondern etwas anderes machen als die typischen Modemedien. Etwas, wofür sonst nirgends Platz ist.

Nämlich?

In Magazinen geht es meist darum, dass vermeintliche Makel korrigiert oder kaschiert werden müssen. Wir sollen unsere Hintern hassen oder unsere Oberarme. Das ist bescheuert. Unsere Vision von Mode ist stolz, lustig, selbstkritisch und politisch. Sie handelt von Familie, Freundschaften, Psychologie. Von komischen Erfahrungen mit Müttern und mit Männern.

In dem Buch "Frauen und Kleider" ist nicht eine Frau abgebildet - nur deren Kleider.

(Foto: S. Fischer Verlag)

Man könnte fast sagen, es ist ein Anti-Fashion-Buch.

Es ist jedenfalls keine Chick-Lit, kein Mädelsbuch. Besonders stolz bin ich auf das Interview mit einer Textilarbeiterin, die den Einsturz des Rana Plaza Centers in Bangladesch überlebt hat. Seitdem denke ich als Konsumentin darüber nach, wer meine Klamotten herstellt. Allerdings bin ich kein gutes Vorbild. Ich bin ein großer Design-Fan und gebe obszöne Mengen Geld für Dinge aus, nur, weil ich sie schön finde.

War es schwierig, die Frauen zum Reden zu bringen?

Überhaupt nicht. Frauen kennen die Geschichten hinter ihren Kleidungsstücken, sie werden nur nie danach gefragt.

Und was hat man als Leserin von den Geschichten?

Wir alle sind schon in Situationen geraten, in denen wir uns in unserer Kleidung unwohl fühlten oder Sorge hatten, nach unserem Äußeren beurteilt zu werden. Dies zuzugeben, wie es viele Frauen im Buch machen, ist eine Erleichterung.

Hat die Arbeit an dem Buch Ihre Einstellung gegenüber Mode verändert?

Es hat meinen Blick verändert. Wenn ich früher eine Frau gesehen habe, die etwas trug, was mir gefiel, wollte ich es auch besitzen. Heute freue ich mich für die Frau, für ihren Geschmack. Es geht nicht mehr automatisch um mich. Ich bin empathischer.

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Im Buch beschreiben Sie genau dieses Gefühl des Habenwollens. Sie kaufen einer Frau ein Isabel-Marant-Kleid nach und bekommen Gewissensbisse.

Ich fühlte mich dabei ertappt, jemanden zu kopieren. Früher dachte ich, guter Stil sei angeboren und orientierte mich oft an anderen Frauen. Inzwischen weiß ich, dass sie einfach nur mehr Zeit und Mühe in ihre Erscheinung investieren.

So jemand gilt schnell als oberflächlich.

Das sehe ich anders. Mode ist eine Form der Kommunikation, sie stellt eine Verbindung zwischen zwei Menschen her. Wenn jemand Notiz von dem nimmt, was ich trage, signalisiert er oder sie: Hey, ich spreche dieselbe Sprache.

Sie persönlich haben ein Faible für weiße Hosen - können Sie das erklären?

Das ist etwas Visuelles. Ich mag es, wenn die Beine einen hellen Sockel bilden, auf dem etwas Andersfarbiges thront. Es ist mir schon etwas peinlich, aber ich habe wirklich unzählige Exemplare, Segelhosen, Marlene-Hosen, Jeans. Eigentlich sind weiße Sachen total unsinnig, weil sie sofort schmutzig werden. Aber gerade dadurch strahlen sie eine gewisse Disziplin und Autorität aus, die ich anziehend finde.

"Frauen und Kleider" von Sheila Heti, Heidi Julavits und Leanne Shapton, erschienen im S. Fischer Verlag

(Foto: S. Fischer Verlag)

Und was bitte ist ein "Mummy Coat"?

Den Begriff hat die Schriftstellerin Amy Fusselman geprägt. Ihr Mantel ähnelt einem Schlafsack, in dem man herumlaufen kann. Er hat riesige Taschen, in die der ganze Kinderkram hineinpasst. Unverzichtbar für eine New Yorker Mutter. Aber auch Ausdruck ihrer Sehnsucht, sich bald wieder elegant und unpraktisch zu kleiden.

Hat denn die Geburt Ihrer Tochter Ihre Garderobe verändert?

Ich ziehe dieselben Klamotten jetzt auch mal drei Tage hintereinander an. Solange, bis sie anfangen zu riechen. Es interessiert mich nicht mehr, wenn die Leute denken: Oh, sie lässt sich gehen. Fuck it. Es fühlt sich befreiend an.

Welchen Einfluss hatte Ihre Mutter auf Ihren Stil?

Sie stammt von den Philippinen, einem Dritte-Welt-Land. Es bedeutete ihr sehr viel, überhaupt in der Lage zu sein, sich neue Sachen leisten zu können. Bei mir war das aber vergebliche Liebesmüh. Ich habe mich von klein auf geweigert, mit meiner Kleidung Status zu demonstrieren.

Kann Kleidung einschüchternd wirken?

Allerdings. Als ich meinen jetzigen Ehemann kennenlernte, leitete er eine internationale Zeitschriftengruppe und war vor mir mit Models, Moderedakteurinnen und Socialites ausgegangen. Das hat mich verunsichert, denn ich trage vor allem Secondhand. Ich habe Jahre gebraucht, um mich deshalb nicht mehr schlecht zu fühlen.

Kann das richtige Outfit zu etwas verführen, was man sonst niemals tun würde?

Ich habe mich getraut, Karaoke zu singen - weil ich an jenem Tag ein "Felix The Cat"-Shirt trug.