Blumenkränze im Haar Die Landpomeranzen kommen

Models zeigen auf einer Wiesn Warm-up-Party Kopfschmuck zum Dirndl.

(Foto: dpa)

Blumenkränze im Haar sind eigentlich etwas Schönes. Doch wer sich ein Gesteck zur Tracht auf die Flechtfrisur packt, hat etwas grundlegend missverstanden.

Von Violetta Simon

Das Oktoberfest hat in modischer Hinsicht schon einiges mitgemacht: Bling-Bling-Dirndl mit Blusen aus Tüll, Hütchen mit Fasanenfedern, Schürzen mit Swarovski-Steinen, Polyester-Kreationen mit gerüschten Unterröcken. Schlimmer waren nur die schulterfreien Rupfensackdirndl aus grobem Leinen mit seitlich gerafften Zipfel-Unterröcken, in denen man aussah wie eine Mischung aus mittelalterlicher Krämersfrau und Flamencotänzerin.

Noch heute erscheint die Wiesn vielen als geeigneter Ort, um sich neu zu erfinden. Es ist ein bisschen wie Karneval, nur in Tracht. Daran beteiligen sich aber nicht nur Besucher aus dem Ausland, die unter einem Dirndl eine Art kariertes Minikleid verstehen - mit viel Pink und wenig Stoff. Gerade Einheimische, die es besser wissen müssten, machen so manch absurden Trend mit.

Heiliger Rupfensack!

Blusen aus Tüll, Hütchen mit Fasanenfedern, Schürzen mit Glitzerkram: Das traditionelle Dirndl stirbt offenbar aus, halbprominente Tischtänzerinnen laufen zuhauf in karnevalesker Fantasiekleidung herum. Kein Zweifel, diese Frauen brauchen Hilfe. Ein Appell an den guten Geschmack. Von Violetta Simon mehr ...

Blumenkränze im Haar zum Beispiel. Gefühlt jede Zweite trägt so einen Kopfschmuck aus Plastik, Stoff oder Papier, es verfolgt einen wie ein optischer Ohrwurm. Zu behaupten, wir hätten den Schlamassel einschlägigen Dirndeldesignerinnen zu verdanken, wäre naheliegend, aber unfair. Wofür hat man schließlich Personal? Alle Jahre wieder präsentieren sich semiprominente Feierbiester im Käferzelt in karnevalesken Fantasie-Outfits. Und zeigen dem Fußvolk, wo es modisch langgeht. Auf diesem Wege müssen es die floralen Accessoires auf die Theresienwiese geschafft haben - eingeschleppt unter anderem von Annemarie Carpendale und Claudia Effenberg, die sogar als "Trachtenexpertin" auf Youtube Container-Promis beraten darf.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Blumenkränze sind etwas Schönes. Zweifellos romantisch, schmeichelhaft für jedes Gesicht. Zum Beispiel, wenn man heiratet. Oder zum Coachella-Festival nach Kalifornien reist. Kombiniert mit Fußkettchen, Boots und weißer Spitze, verwandelt so ein floraler Kranz jede junge Frau in Nullkommanix in ein anmutiges Blumenmädchen. Passt perfekt zum Hippie-Image der Veranstaltung. Nur halt nicht in ein Bierzelt.

Als krönender Abschluss auf Flechtfrisuren gesteckt, kombiniert zur Tracht, verbreiten die Gestecke alles andere als California Dreamin'. Eher Puszta-Atmosphäre. In den Fünfzigerjahren gab es einen Film mit Liselotte Pulver und Gunnar Möller: "Ich denke oft an Piroschka". Der Titel bringt es so ziemlich auf den Punkt. Beim Anblick der blumenbekränzten Dirndlträgerinnen denkt man schnell an ein ungarisches Weinfest. Fehlen nur noch Geige und Cimbalom, dann tanzen die Mädels Csárdás.

Mit den Kränzen im Bierzelt ist es wie mit Trekkinghosen und Funktionsklamotten, die ja auch ihre Existenzberechtigung haben - so lange sie nicht im Büro getragen werden. Auch ein Geländewagen ist eine prima Sache - für eine Wüstendurchquerung oder eine Reise durch den Kaukasus. In der Stadt braucht ihn kein Mensch, er nimmt nur Platz weg und steht im Weg. Und genauso ist es mit Blumenkränzen, die aus einem modischen Fantasieland entwurzelt und auf das Münchner Oktoberfest verpflanzt wurden.

Entwurzelt und deplatziert

Wenn überhaupt Blumen, dann gehört ein kleines Sträußlein mit etwas Grün in den Brustausschnitt. So ist es etwa bei der oberbayerischen Gebirgstracht in Miesbach oder am Tegernsee üblich. Nur bei Prozessionen und Hochzeiten wird tatsächlich ein Kranz statt des Hutes aufgesteckt, allerdings aus den zarten Blüten des Myrthenstrauches. Was die Frauen sicher nicht auf dem Kopf tragen, ist ein aufgetürmter Blumenkasten - das machen nur Kühe beim Almabtrieb.

Allen ist das klar, selbst der zuständigen Branche - nur leider verdienen die Einzelhändler viel zu gut an dem Phänomen, um der Konkurrenz kampflos das Feld zu überlassen. Auch in den Geschäften können viele Verkäufer den blumigen Kopfschmuck schon nicht mehr sehen, dennoch führt kein Weg daran vorbei. "Die Kränze werden uns aus den Händen gerissen, wir können uns nicht retten", sagt auch eine Münchner Dirndldesignerin. Aussichtslos, sie der Kundschaft vorzuenthalten. Geschäftsuntüchtig, wer sich dem verweigert.

Stellen wir uns also auf eine weitere Saison mit Piroschka, der Landpomeranze, ein. Ist nur eine Frage der Zeit, bis die Damen genug haben - der nächste Hype kommt bestimmt. Turban vielleicht. Und ach, hatten wir eigentlich schon Indianerfedern?

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