Blog zur Fashion Week Berlin Wenn die Models Trauer tragen

Wo die Models Trauer tragen: Show des deutsch-französischen Labels Augustin Teboul.

(Foto: dpa)

Trauerflor: Auf der Fashion Week ist das noch lange kein Grund zur Besorgnis. Eine der bislang traumhaftesten Kollektionen gab es am zweiten Tag abseits des Trubels zu sehen - und gleich darauf ihr albtraumhaftes Gegenstück. Nach so viel spannendem Schwarz musste dringend gefeiert werden.

Von Ruth Schneeberger

Nachdem es gestern an dieser Stelle einiges zu meckern gab, heute ein paar versöhnliche Betrachtungen von der Fashion Week in Berlin: Der zweite Tag hatte viel mehr zu bieten als ein einzelner Mensch zu fassen imstande ist, also beschränken wir uns auf eine Auswahl besonderer Events. Wobei wir natürlich nicht wissen, ob die anderen Events nicht noch besonderer gewesen sind. Wir nehmen es aber schwer an. Und sind fast voll des Lobes.

Zuvorderst: das deutsch-französische Designerinnen-Duo Augustin Teboul. Die Show war keine richtige Modenschau, zumindest nicht auf die klassische Art. Es war eher eine Installation, mit der Annelie Augustin und Odély Teboul am Mittwochabend überraschten. Nicht im Zelt am Brandenburger Tor, wo die meisten Shows zu sehen sind, sondern ein paar Ecken weiter, in der Charlottenstraße, in der Galerie Thomas Schulte. Die perfekte Location für das erhabene Mode-Happening, das fast einer Ausstellung glich, nur dass die ausgestellten Werke eben nicht an der Wand hingen, sondern von Models vorgeführt wurden.

In ätherisch-besinnlicher Atmosphäre, unterstützt von eindringlich lautmalerischem Gesang und dem Spiel einer Cellistin, liefen teils ausgesucht aparte Models stundenlang den kleinen Catwalk entlang, ganz nah an den Zuschauern vorbei. Fast wie zum Anfassen, aber eben nur fast. Sie alle trugen: Schwarz. Von Kopf bis Fuß. Schwarze Röcke, Hosen, Blusen, Kleider, Leggins, Hüte, Mützen, Jacken, Mäntel. Alles Tiefschwarz. Langweile sieht trotzdem sehr anders aus, denn: Sowohl die Schnitte als auch die Stoffe und noch mehr die zierenden Details sind bei Augustine Teboul so atemberaubend ungewöhnlich, dass man sie, einmal gesehen, auf der Straße und auch zwischen jeglicher anderen Mode sofort wiedererkennen würde.

Schwarz in Schwarz muss nicht langweilig sein: Augustin Teboul kombinieren grundverschiedene Elemente.

(Foto: dpa)

Einflüsse aus den 1920er und 1940er Jahren, aus russischer Folklore und Rokoko, aus Gothic-Style und Luxusgewand, angesiedelt zwischen zeitloser französischer Eleganz und hochaktuellen Modetrends, gleichzeitig Prêt-à-Porter und Haut Couture - alles auf einmal. Und doch ist diese Mode wie durch Zauberhand weder überfrachtet, noch angestrengt konzeptuell, noch verliert sie sich in Details, sondern bleibt schlicht und überzeugend eindeutig. Weil eben in Schwarz. Und so gut komponiert wie eine edle Praline. Hier fühlt man sich daran erinnert, dass Mode auch eine Form von Kunst sein kann. Von diesen fidelen Designerinnen, die ihr Label erst 2010 gegründet und zuvor für Gaultier und Yohji Yamamoto gearbeitet haben, werden wir wohl noch hören.

Ihren bösen Bruder gab es im Anschluss in einem Keller in Kreuzberg zu sehen - oder anders: Wenn diese Mode-Ausstellung wie ein schöner Traum war, dann war die Show-Performance von Patrick Mohr ein Albtraum. Allerdings im besten Sinne. Die Besucher der Show fühlten sich an den Schauplatz seltsam berührend böser Träume zurückversetzt. Los ging es schon am Eingang: Unangenehm intensive Tropfgeräusche drangen aus dem Kellergewölbe ins Ohr. Unvermittelt stand plötzlich eine Gestalt im dunklen Raum, von der man erst beim zweiten Hinschauen merkte, dass sie menschlich ist. Und man mag es kaum glauben, denn dieses glitschig weiß bemalte Wesen mit Glatze, blondem Pony über der Nase, ansonsten unbehaart und mit orangen Reptilienaugen-Kontaktlinsen versehen, wirkte wahrlich wie ein Alien - oder ein Gollum. Auf jeden Fall wie ein Wesen aus einer anderen Welt, und die angestrengt-ängstlich flackernden Augen taten ihr übriges, um den Besuchern den Eindruck zu vermitteln, dass hier etwas nicht stimmt.

Immerhin: Die Gestalt trug die Mode von Patrick Mohr, dem drahtigen Münchner Designer mit Model-Vergangenheit, der als Provokateur seiner Zunft gilt. Einst schickte er Obdachlose mit seinen Entwürfen über den Laufsteg, später Bodybuilder, danach buddhistisch inspirierte Zukunftswesen. Oft spielt Einsamkeit in seinen Performances eine Rolle. An diesem Abend fühlte sich das Publikum in die Zukunft transportiert - und gleichzeitig an den Schauplatz eines Verbrechens.

An Schlachterhaken hingen Stoff- und Ledermuster, schwere, schwarze Sportswear-Jacken schwebten wie bedrohliche Objekte, fast wie Lebewesen, im Raum. Zwei weitere Alien-Models im selben beängstigenden Blass-Look standen zitternd umher - und wirkten. Wie in einem Sci-Fi-Thriller fühlte sich der Gast, später beim Rundgang kamen noch Geräusche hinzu, die aus einem Horrorfilm stammen könnten, man meinte einen Mörder oder Metzger erst fröhlich pfeifen, dann frisch zur Tat schreiten zu hören.

Albtraum? Zukunft? Die Models bei der Präsetation des Münchner Designer Patrick Mohr waren vieles, aber nicht schön.

(Foto: AFP)

Die ungewöhnliche Show hinterlässt viele Fragen, die der Zuschauer sich stellen darf, aber nicht muss: Sind diese Wesen Modeopfer? Bin ich es auch? Sieht es im Innern des Designers, dessen Mode ansonsten puristisch daherkommt und mit raffinierten Schnittformen und Streetwear-Elementen experimentiert, auch so düster aus? Oder ist er einfach ein Meister darin, sein Publikum eindrücklich zu verstören, um sich ins Gedächtnis einzubrennen? Zumindest ist seine Mode, genau wie die von Augustin Teboul, fast ausschließlich schwarz. Und dennoch unverwechselbar.

Friedlicher und fröhlicher jedenfalls ging es auf seiner Aftershow-Party zu: In der In-Location Prinz Charles am Moritzplatz tummelten sich Szenegänger und Modefans zwischen zwei Konzertbühnen (unter anderem spielte "Herr Sorge" alias Sammy Deluxe fröhliche Weltuntergangsmusik auf) und elektronischer Tanzbühne. Die eindrucksvolle Bar befand sich in einem ehemaligen Swimmingpool, der immer noch blau gekachelt ist. Die Partygänger bestellten "Düsenjäger", eine Mischung aus Jägermeister und Espresso, damit es noch mehr kracht. Die üblichen Hipster oder solche, die es sein wollen, waren an einem Accessoire zu erkennen: der roten Schlumpfmütze. Es wurden auch farbliche Abweichungen gesichtet, doch wer sichergehen wollte, als lässiger Styler erkannt zu werden, der trug lockere Strickmütze in Rot.

Im "Green Showroom" wurde ökologisch verantwortungsbewusste Mode gezeigt.

(Foto: dpa)

Apropos lässig: Noch ein reizvoller Gegensatz war am Nachmittag im Hotel Adlon zu bewundern, beim "Green Showroom". Öko-Mode trifft auf Exklusivität in den edlen Räumen des Luxushotels. Über die teuren Teppiche liefen die Models hier mit Kleidern und Accessoires von Mode- und Lifestyle-Labels, die auf Nachhaltigkeit setzen. Unter anderem Sonja Heymann, Kaschuba Hommage, RoyalBLUSH, Wellicious Materia Prima, Kaska Hass und das Atelier Laure Paschoud zeigten hier ihre Entwürfe. Ihnen allen ist eines gemein: der Gedanke, die Umwelt zu schützen inmitten der schnelllebigen Modewelt.

Das ist lobenswert, hielt aber Tier- und Umweltschützer nicht davon ab, vor dem Hotel am Brandenburger Tor zu demonstrieren. Die Aktivisten protestierten gegen das Tragen von Pelz, das auf einigen Schauen der etablierten Designer im Mercedes-Benz-Zelt nebenan immer noch propagiert wird. Und auch wenn die Nachwuchsdesigner auf den Teppichen des Adlon mit sanften Farben, schlichten zeitgemäßen Formen und extrem tragbarer Mode sanft an das ökologische Gewissen appellierten: Auch sie sind Teil des sich unablässig um sich selbst drehenden Modezirkus'.