Bed in a Box Ein Traum auf Pappe

Das Bett aus der Box - aufgebaut.

(Foto: Bed in a Box)

Spätestens nach dem dritten Umzug haben selbst die besten Freunde keine Lust mehr, schwere Möbel zu schleppen. Drei Berliner haben eine Lösung: ein Bett aus und im Karton.

Von Tanja Mokosch

Jetzt haben wir doch schneller etwas gefunden als gedacht. Trotz Münchner Mietmarkt. Groß genug ist die Wohnung, die Lage ist okay, ein Balkon wäre schön. Und zu teuer ist sie eigentlich auch. Aber erst mal einziehen, vielleicht tut sich irgendwann Besseres auf. Gemütlich soll es trotzdem werden, man muss ja auch mal irgendwo ankommen. Aber Löcher in die Fliesen bohren? Wände farbig streichen? Eine Schrankwand kaufen, die teuer ist und beim nächsten Ab- und Aufbau schief steht? Lieber nicht.

Also gibt es statt Massivholzschrank nur eine Kleiderstange, das hat man eh gerade so. Die Einbauküche kommt aus den Kleinanzeigen, Sofa und Kommode von der Oma. Heißt dann "vintage" bzw. "shabby chic". Aber das Bett. Das muss schnell her. Ohne Bett keine Gemütlichkeit. Nur sind Betten auch Möbel von der sperrigen Sorte - allein den Lattenrost transportieren. In den vierten Stock?

Die Lösung kommt per Post. In den vierten Stock! Sie heißt "Bed in a Box" und ist - wie der Name verrät - im Pappkarton verpackt. Damit nicht genug: Das Bett, das in die "Box" passt, ist komplett aus Pappe gefertigt. Aus Wellpappe, um genau zu sein. Die Pappe ist leichter und dünner als Holz, man kann sie zusammenfalten, verpacken, versenden und beim nächsten Umzug genau so wieder mitnehmen. Außerdem soll das Pappbett in wenigen Sekunden stabil aufgebaut und schlafbereit sein. Ohne Lattenrost. Soweit das Versprechen der Erfinder, einem Berliner Startup namens "Room in a Box".

Der Test

Die Papp-Schlafgelegenheit gibt es in verschiedenen Größen, sie kann online bestellt werden. Je nach Breite kostet das Bett zwischen etwa 100 und 190 Euro. Ein bis zwei Tage nach der Bestellung trifft ein Paket beim Kunden ein. Länglich, etwa so breit, wie das gewünschte Bett mal werden soll, und circa 15 Zentimeter dick.

Ganz so leicht wie im Werbevideo gezeigt, lässt sich das Paket mit dem Bett dann doch nicht unter den Arm klemmen und ins Schlafzimmer tragen. Aber: Für ein Bett hat es sehr wenig Gewicht. Und tatsächlich steht es innerhalb weniger Minuten (mit Übung wahrscheinlich noch schneller) in der gewünschten Größe da. Wie eine Ziehharmonika wird das schmale Paket an Kopf- und Fußende auseinander gezogen, bis die gewünschte Länge erreicht ist. Wo sonst der Lattenrost wäre, tut sich ein wabenförmiges Muster aus Karton auf. Matratze drauf, fertig.

Die Idee zum Pappmöbelversand stammt von Gerald Dissen, Wirtschaftswissenschaftler, 34. Zusammen mit Lionel Palm, ebenfalls Wirtschaftswissenschaftler, 24 und Christian Hilse, Verpackungstechniker, 36, gründete er im April 2013 die Startup-Firma. Gerade sind die drei von ihrer Werkstatt in ein Büro umgezogen - "mit richtigen Fenstern", sagt Dissen. Das Geschäft läuft gut.

Mobil und flexibel

Die drei Gründer treffen mit der Idee den Nerv einer Zielgruppe, der sie selbst angehören. Jener "Generation Praktikum" oder "Generation Y", also Menschen zwischen Anfang 20 und Ende 30, denen ständig nachgesagt wird, sie seien gut gebildet, flexibel und vor allem mobil: Ein Umzug für das Studium, für das Auslandssemester, für das Praktikum, für die Bachelorarbeit, für ein weiteres Praktikum, für die Masterarbeit, für den neuen Job, für die Weltreise, den nächsten Job undsoweiter. Diese Generation will zwar flexibel bleiben, aber trotzdem nicht bis zum Burnout auf einer schimmligen Matratze auf kaltem Altbauboden schlafen.

Das Pappbett ist ein guter Kompromiss. Nebenbei sieht es ein bisschen hip aus: Die schlichte Konstruktion gibt es in den Farben "natur" und "weiß" und, obwohl keiner der Erfinder Designer ist, passt es perfekt auf den Altbauboden. "Creative confidence" nennt Mitbegründer Dissen das, den Glauben an die eigene Schaffensfähigkeit: "Wir haben es einfach probiert und dann hat es geklappt." Außerdem habe man beim Kauf auch auf ökologische Nachhaltigkeit Wert gelegt: Die Wellpappe bestehe zu 85 Prozent aus recycelten Papierfasern und könne komplett wiederverwertet werden. Nasswerden ist auch kein Problem - zumindest in geringem Maß. Wer ab und zu mal gegen das am Bettrand abgestellte Wasserglas tritt, muss nicht sofort um das Pappmöbel bangen.

Das Konzept ist nicht neu

Dass das Konzept von "Room in a Box" nicht ganz neu ist, wissen die Erfinder selbst. Es ist eher eine Kombination aus zwei bestehenden Ideen: Möbel per Post hat schon der junge Ingvar Kamprad im Jahr 1947 versendet - die Erfolgsgeschichte des daraus entstandenen schwedischen Möbelhauses ist bekannt.

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Auch beim Material haben die Jungunternehmer nicht das Rad neu erfunden. Dissen hat sich auf einer Nachhaltigkeitsmesse von einem Pappsessel inspirieren lassen. Die Firma Stange Design etwa vertreibt bereits seit 20 Jahren Möbel aus Pappe: Neben Hocker, Garderobe, Regal, Tisch und kleineren Papp-Produkten hat sie ebenfalls ein Bett im Sortiment. Das besteht aus mehreren Teilen. Fürs Aufbauen benötigt man da schon eine Anleitung. Designer Peter Raacke erfand bereits 1968 den Pappsessel "Otto". Eher ein Kunstobjekt ist der von Architekt Frank Gehry 1972 entworfene "Wiggle Side Chair" aus Wellkarton. Beim Papiersofa "Flexible Love", das es seit 2005 gibt, ist der Name Programm. Die Pappsitzgelegenheit erinnert stark an ein regenbogenfarbenes spiralförmiges Kinderspielzeug und kann nach dem Ziehharmonika-Prinzip in verschiedene Formen gebracht werden - das Designobjekt ist mit knapp 400 Euro in der einfachsten Ausführung aber deutlich teurer als das "Bed in a Box".

Es folgt: Supermobilität

Echt neu am Box-Bett ist aber der extrem unkomplizierte Aufbau. "Wir wollen superleichte, superflexible Möbel kreieren, mit denen man superschnell umziehen kann", sagt Dissen. Folgen soll auf das Bett ein Regal und irgendwann ein ganzes Zimmer, das "ähnlich gut und schnell funktioniert". Die Generation Y dankt - und bleibt supermobil, sogar im Schlaf.

Weitere Informationen: www.roominabox.de