Badkultur Schrubben wie damals: Seife am Stück ist zurück

Die neuen Waschstücke, oft mit natürlichen Zutaten, funktionieren durch ihre Verbindung zum Althergebrachten: Seifensiederei hat Tradition.

(Foto: Numo)

Waschprodukte aus dem Spender sind eigentlich praktischer. Trotzdem ist der Klassiker heute wieder gefragt.

Von Anne Goebel

Frisch gewaschene Wäsche, weiße Laken, Erinnerungen an daheim: Nach dieser betörenden Mischung duftet die transparente Seife der Marke Pears. Zumindest hat das der britische Musiker Bob Stanley in einem Text für den Guardian so beschrieben. Stanley spielt, obwohl er aussieht wie ein Erdkundelehrer, in der Indie-Band Saint Etienne, und sein Artikel ist eine Empörung: Weil Pears die jahrhundertealte Formel des Waschstücks änderte, muss er auf kräftezehrenden Touren die vertraut riechenden Altbestände im Vereinigten Königreich aufstöbern. Eine hinreißende Seifen-Suada, Stanleys Endstand: mehr als 200 Reservepackungen. Das ist nicht so aberwitzig, wie es zuerst scheint. Bei Seife geht es, mehr als bei jedem anderen Utensil im Badezimmer, um Sehnsucht.

Das wird deutlich, sobald man mit jemandem aus der Kosmetikbranche über Seifen spricht: Sofortiges Entzücken, schön, wie nostalgisch! Anlass für solche Gespräche gibt es genug. Die duftenden Stücke, im Fachjargon Festseifen genannt, erleben gerade eine Renaissance, nachdem an den Waschbecken der Welt lange der funktionelle Pump-Behälter dominierte. "Ich liebe Seifen", sagt zum Beispiel Laetitia von Hessen. "Schon als Kind war das so. Niemals würde meine Großmutter einen Seifenspender in ihr Bad stellen." Letitia von Hessen ist Geschäftsführerin von Niche Beauty, einem der führenden Online-Shops für Luxuskosmetik. Hier gibt es Produkte von hippen Marken wie Aesop oder C.O. Bigelow, aber Hessen würde bei Augenserum oder Volumenshampoo sicher nicht ihre Großmutter erwähnen. Bei Seife geht das.

Saubere Sache

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Im Sortiment von Niche Beauty: Die Pink Clay Soap mit Tonerde und blumig-zitronigem Duft oder die duschtaugliche Version von Anthony ("Exfoliating & Cleansing Bar") mit Kokosnussöl und Gurkenextrakt. "Der Markt hat sich verändert, es gibt jetzt sehr hochwertige, pflegende Seifen", sagt Hessen, die den Shop gemeinsam mit ihrer Schwester gegründet hat. Aber auch die neuen Waschstücke, oft mit natürlichen Zutaten auf der anhaltenden grünen Welle schwimmend, funktionieren gerade wegen ihrer Verbindung zum Althergebrachten: Seifensiederei ist ein traditionsreiches Handwerk, und der aktuelle "Apothecary"-Trend in der Kosmetik kultiviert genau diese Liebe zu soliden, schnörkellosen, auf coole Art konservativen Pflegeprodukten. Sich Gesicht und Körper wie früher zu schrubben, ist also das Neueste vom Neuen.

Natürlich war die feste Seife nie ganz verschwunden. Schon gar nicht in Großbritannien, wo Marken wie Bronnley, Penhaligon's oder Creed mit ihren königlich geprüften Rezepturen das Aroma von Sattelleder oder englischen Rosen verströmen und die Aura eines Herrenhauses gleich mit dazu. In Südfrankreich blüht die Herstellung der Marseiller Seife, auch wenn man dort den Eindruck gewinnt, all die massigen Waschquader mit Olivenöl- oder Lavendelessenzen sind vor allem für die Touristen gedacht. Über den Umweg solcher Mitbringsel wurde es auch wieder gesellschaftsfähig, ein Stück Seife zwecks Wohlgeruch ins Bad oder die Gästetoilette zu legen. Auch beliebt: Die italienische Variante, regional duftend nach florentinischer Lilie oder Siziliens Orangen. Die lindgrüne Palmolive, der gelbliche Riegel von CD war da längst aussortiert als piefige Sparschäumer, allenfalls gut fürs Laugenwaschwasser, was wahrscheinlich ungerecht war.

Der hygienische Drückspender wird auch in Zeiten der Begeisterung für feste Seifenstücke bleiben. In der Küche ist er praktisch oder in öffentlichen Toiletten, wo man nur ungern zur glitschigen Alternative greift. Aber im privaten Bad wird das Stück Seife gerade zum neuen Statussymbol, fein verpackt, von komplexem Duft. Ob als Deko-Element oder zur Benutzung, ist da eher zweitrangig. Es macht jedenfalls etwas her, wenn auf dem Waschbeckenrand "34 Blvd St Germain" liegt, ein kostbarer Duft von Diptyque in der cremeweißen Kompaktvariante (und für beachtliche 25 Euro). Auch der Chanel-Klassiker "Coco" ist, zum Rechteck gepresst, ein Blickfang in der Duschablage, die dann halt möglichst nicht nach etwas so Gewöhnlichem wie Kalkrückständen aussehen sollte.

In Deutschland ist die Firma Klar Seifen aus Heidelberg einer der wenigen verbliebenen Traditionsbetriebe, die Seifen nach alten Verfahren und teils noch in Handarbeit fertigen. "Bei uns steigt die Nachfrage nach Festseifen stetig", sagt der Geschäftsführer Jan Heipcke. Wachsendes Interesse am Ur-Modell bemerkt Heipcke auch daran, dass immer mehr Kosmetik- und Lebensart-Marken sich an die Heidelberger wenden mit der Idee, das eigene Sortiment um eine schicke Seifenlinie zu erweitern.

Die routinierte Pumpbewegung beim Händewaschen erinnert an Chirurgen vorm Eingriff

Wahrscheinlich hat die Rückkehr der Seifenstücke auch damit zu tun, dass aus den Bädern zu Hause sogenannte Wellnesszonen wurden. Nüchterne Edelstahl-Optik war irgendwann passé, und plötzlich schien auch diese routinierte Pumpbewegung beim Händewaschen eher zu einem Chirurgen zu passen, der sich vor dem Eingriff keimfrei macht, als zu einem Ort, an dem man sich wohlfühlen will. Unter einem warmen Wasserstrahl ein Stück Seife zwischen den Fingern wandern zu lassen, ist da ein ganz anderes Erlebnis.

"Ich glaube, dass man sich mit fester Seife die Hände länger wäscht. Weil es so angenehm ist", sagt Laetitia von Hessen. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum der Duft auf der Haut intensiver erscheint als bei Flüssigseife.

Chemisch basiert die solide Variante auf dem Verkochen pflanzlicher Fette mit einer Lauge, worauf es zur sogenannten Verseifung kommt. Die Grundsubstanz wird dann mit pflegenden Wirkstoffen und Duftessenzen in einer Walzmaschine vermengt. Bei Flüssigseifen ist der Anteil an Wasser naturgemäß hoch, was den Geruch abschwächen kann und Umweltschützern missfällt. Sie raten von Liquiden im Badezimmer ab, weil sie Plastikmüll produzieren und nicht ressourcenschonend sind.

Ein Stück Seife und ein Wasserzuber, das ist so etwas wie die Urform der Körperpflege. Eine aus heutiger Sicht fragwürdige Rezeptur aus Ziegentalg und Holzasche beschrieb schon der römische Gelehrte Plinius der Ältere. In der italienischen Redensart "bellezza acqua e sapone" klingt an, dass die simple Art der Körperpflege etwas erfrischend Ungekünsteltes umgibt: Die Wasser-und-Seife-Schöne - auf Deutsch gesagt, ein Mädchen von natürlicher Schönheit - braucht keine Tricks und Schminke, um zu wirken.

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