23. November 2012 17:00 Stilblog zu Designer Joe Turvey Phantom gegen Langeweile

Wer Joe Turveys Modekreationen betrachtet, könnte einem Irrtum erliegen und sich darauf selbst erkennen - wie das manchmal so ist bei Phantomzeichnungen. Der Designer druckt seine Skizzen auf Hemden, T-Shirts und Jacken und landete damit sogleich auf der Londoner Fashion Week . Dabei wollte der 24-Jährige eigentlich gar nicht an Stoffen herumschneiden, sondern an Menschen.

Von Lena Jakat, London

Joe Turvey hat seine Entwürfe schon in Shanghai und auf Londons erster Herrenmodewoche vorgeführt, beliefert Händler in Asien und zuhause in Großbritannien.

Wer sich mit dem Designer Joe Turvey verabredet, muss mit einem Mann rechnen, zu dem man aufsieht. "Sie können mich nicht verfehlen", sagt vor dem Interviewtermin in Londons Südwesten eine sanfte Stimme am Telefon, "ich bin sehr groß". Er hat recht. Der Hüne, zwei Meter plus x, ragt unübersehbar aus der Menschenmenge heraus. Er trägt einen rotblonden Kinnbart zum Dufflecoat und weder Gel-Tolle noch Fünfziger-Jahre-Sonnenbrille - im Vergleich zu der sonst üblichen Hipness dieser Stadt ziemlich wohltuend.

Turvey skizziert gerne. Und zwar nicht nur auf Papier, seine Zeichnungen zieren auch die fertigen Hemden, T-Shirts und Trainingsjacken. Sein Motiv ist immer das gleiche: das konturenlose Porträt eines Mannes. Diese Zeichnungen scheinen einen Nerv zu treffen.

Noch kein Jahr ist es her, dass der 24-Jährige am London College of Fashion seinen Master als Herrenmode-Designer gemacht hat. Direkt bei der Modenschau der Absolventen im Februar entdeckte ein Talentscout Turvey und seine unverwechselbaren Stücke. Wenige Wochen später waren diese bereits auf der Londoner Fashion Week zu sehen, zur Begeisterung von professionellen wie semi-professionellen Modemenschen. Inzwischen hat der junge Designer seine Entwürfe in Shanghai und auf Londons erster Herrenmodewoche vorgeführt, beliefert Händler in Asien und zuhause in Großbritannien. Und arbeitet bereits an einer neuen Kollektion.

Joe Turvey ist erst 24 Jahre, hat seine Entwürfe aber schon in Shanghai und auf Londons erster Herrenmodewoche vorgeführt. Außerdem beliefert er Händler in Asien. 

(Foto: Lena Jakat)

Traumberuf Schönheitschirurg

"Beruflich war es das Jahr meines Lebens", sagt Turvey. Privat weniger. Nur ein einziges Mal hat er es geschafft, seine Familie in Mittelengland zu besuchen - sehr zum Missfallen seiner Mutter, sagt er. An Weihnachten will er endlich mal wieder nach Hause fahren, durchatmen, Urlaub machen: "Aber am Ende packe ich meinen Koffer wohl doch wieder voller Musterstücke, die ich noch fertig machen muss."

Zum Modedesign kam Turvey durch Zufall, bei den Schnuppertagen an der Uni, denn eigentlich wollte er Schönheitschirurg werden. "Ich habe mich in den Naturwissenschaften immer richtig reingehängt, damit ich Medizin studieren kann. Aber es ist mir nie so richtig leichtgefallen - ganz anders als in der Mode." Schon als Kind erinnerte er sich nie an die Namen der Erwachsenen, sondern stets an deren Kleidung. Demnach wäre er "der Mann mit dem lila Kapuzenpulli".

Wenn der Jung-Designer über Drucktechniken spricht, über Lieferanten und Abnehmer - in einem Alter, in dem viele andere über die amourösen Eroberungen ihres Erasmus-Semesters schwadronieren - drängt sich der Eindruck auf, dass er vermutlich auch am OP-Tisch eine steile Karriere hingelegt hätte. Der Ehrgeiz ist unverkennbar.

Turvey entschied sich für Damenmode-Design. Seine Entwürfe waren zunächst dunkel und schwer - und ziemlich maskulin. "In der Damenmode gibt es weniger Regeln, mehr unterschiedliche Kleidungsstücke. Aber welcher Mann würde schon ein Kleid tragen?", erinnert sich Turvey. Als er zur Herrenmode wechselte, versuchte er, "etwas von dieser Freiheit hinüber zu retten", wie er sagt. "Ich mag es nämlich nicht, wenn man mir Vorschriften macht."

Turveys Porträts sind mit wenigen Strichen umrissen, die Jungs blicken drein, als wären sie selbst fast ein bisschen überrascht, plötzlich auf dem Catwalk gelandet zu sein. Ihre Ästhetik ähnelt der von Phantomzeichnungen - und sie haben den gleichen Effekt, wie er bei solchen Fahndungsbildern immer wieder auftritt: dass sich viele Menschen darin wiedererkennen.

Phantomzeichnungen mit Überraschungseffekt

Irgendwann begann er, seine Skizzen auf seine Entwürfe zu drucken - der entscheidende Einfall. "Ich war unglaublich gelangweilt und genervt zu sehen, wie viele Leute irgendwelche Bilder googeln, diese neu arrangieren und drucken", sagt er. "Und ich liebe es, zu zeichnen."

Seine Porträts sind mit wenigen Strichen umrissen, die Jungs blicken drein, als wären sie selbst fast ein bisschen überrascht, plötzlich auf dem Catwalk gelandet zu sein. Ihre Ästhetik ähnelt der von Phantomzeichnungen - und sie haben den gleichen Effekt, wie er oft bei Fahndungsbildern auftritt: dass sich Menschen darin wiedererkennen. "Es kommen immer wieder Leute auf mich zu weil sie denken, sie wären das", sagt Turvey. "Tatsächlich fließen in den Illustrationen aber Porträts verschiedener Männer zusammen, die ich gezeichnet habe." Die Herausforderung für die Herbst-Winter-Kollektion 2013 liegt jetzt darin, den erfolgreichen Überraschungseffekt dieser Gesichter fortzuführen, ohne die Leute zu langweilen.

Spricht Joe Turvey von seiner Arbeit, sagt er "wir" und "unser" statt "ich" und "mein". Die Erklärung dafür liefert er gleich mit: "Wenn ich mir mich und die Leute, die mich unterstützen, als Team vorstelle, dann habe ich weniger Angst vor dem, was kommt."