6. November 2012 15:19 Fashionspießer: Ugg Boots Ugg-ah! Ugg-ah!

Auch diesen Winter sind die Innenstädte wieder voller Frauen in Miniröcken - und mit Ugg Boots. Trägerinnen schwören auf die Kombination aus frostfest und figurbetont. Alle anderen würden das Modephänomen am liebsten dahin verbannen, wo es herkommt: in die Steinzeit. Eine Stilkolumne.

Von Johanna Bruckner

Vereinigung fragwürdiger Fashion-Phänomene: Ugg-Boots, jene unförmigen fellgefütterten Stiefel, die alle Winter wieder durch weihnachtlich geschmückte Innenstädte stapfen, gibt es mittlerweile auch in der Ausführung mit Keilabsatz.

(Foto: AFP)

Ein kalter Morgen im Spätherbst/Frühwinter, vor etwa zwei Millionen Jahren, ein Paar sitzt am steinernen Esstisch beim Frühstück. Sie erhebt sich, um sich Quellwasser nachzuschenken; er mustert sie über sein Mammutsteak (rare) hinweg, abschätzend. Sein Blick wandert über ihre dicke Bärenfell-Weste hinunter zum Beinkleid aus Wolfspelz und den in Wollnashorn gewickelten Füßen. Er schnauft.

Sie dreht sich um, gibt einen genervten Laut von sich ("Waaas?"). Er schnauft abermals ("Nichts.") Ihre Laute werden gereizter ("Wie nichts? Ich merk' doch, dass was ist!") Er brummelt in seinen Bart ("Überall Fell.") Sie zieht warnend die buschige Augenbraue hoch ("Was soll das heißen: überall Fell?"). Er vergräbt seine Nase tiefer in der zotteligen Gesichtsbehaarung, sein Gemurmel ist kaum noch zu verstehen ("Naja, im Sommer hast du doch immer so hübsche Röcke getragen - das war sexy.") Sie explodiert in einer Kakaphonie aus Keif- und Zischlauten ("Sexy? Sexy??? Hast du mal rausgeguckt? Es ist arschkalt, du triebgesteuerter Steinzeitmensch!")

So oder so ähnlich könnte es entstanden sein, jenes Bekleidungsphänomen, das mittlerweile alle Winter wieder auf den Straßen vermeintlich zivilisierter Städte zu beobachten ist. Von einem Trend zu sprechen, wäre euphemistisch. Da stapfen Mädchen im Sammlerinnen-Modus durch die adventlich geschmückten Einkaufsstraßen, um die schmalen Hüften ein Nichts aus Denim, die schlanken Beine sind mit Nylonstrumpfhosen notdürftig gegen die ärgste Kälte geschützt, die wohlgeformten Waden jedoch verschwinden in einem unförmigen Meer aus Fell und Leder.

Heißkalter Horror

Vielleicht prominenteste Anhängerin dieses Wilma-Feuerstein-Looks ist Ex-Baywatch-Star Pamela Anderson. Die Blondine, die in rotem Lycra zu Weltruhm kam, bevorzugt nach wie vor einen hohen Beinausschnitt. Obenrum hält sie sich mittlerweile aber eher bedeckt, trägt auf Paparazzi-Bildern Schlabberpulli über dem Nano-Stöffchen. Wahrscheinlich ist ihr mit 45 Jahren Beine plus Busen einfach zu billig.

Das - also billig - ist die Kombi "Mini-Rock zu Maxi-Tretern" jedoch keineswegs! Denn wer etwas auf sich hält - bzw. eine verwandtschaftliche oder amouröse Beziehung zu einem erfolgreichen Jäger unterhält - greift ausschließlich zu Fellstiefeln der Marke Ugg Australia. Etwa 250 Euro kostet der Klassiker. Wer zusätzlichen modischen Firlefanz (Keilabsatz, Nieten etc.) will, muss drauflegen. Und auch für weniger Frostbeulen fallen Mehrkosten an: Die Overknee-Ausführung schlägt mit umgerechnet mehr als 300 Euro zu Buche.

Das Label für die gefütterten Luxuslatschen hat seinen Sitz sinnigerweise im sonnigen Kalifornien. Ursprünglich kommen Ugg Boots jedoch aus Australien und Neuseeland. Die einfachen Stiefel aus Lammleder und -fell mit Gummisohle hielten bei der Arbeit im Freien warm - eine Eigenschaft, die in den sechziger Jahren auch schrumpelige wie ausgekühlte Surferfüße zu schätzen lernten. Der tatsächliche Beginn eines dunklen und bedauerlicherweise noch nicht vollendeten Kapitels der Modegeschichte.

Längst hat auch die holde Weiblichkeit hierzulande den fragwürdigen Look der Wellenreiterinnen auf der anderen Seite der Erdkugel adaptiert und weiter pervertiert. Surfer-Shorts werden zum Jeans-Mini werden zu Hot Pants. Ein heißkalter Horror!

Ad absurdum geführt wird das modische Wintermärchen - frostfest und figurbewusst, das muss doch zusammen zusammengehen -, wenn die Prinzessinnen mit den Pelzpantoffeln zur Jogginghose greifen. Sie tun das vor allem nach Weihnachten, um die Folgen der Festtagsvöllerei zu kaschieren, die sich an unerwünschter Stelle manifestiert haben. Weil die Kombination aus formlosem Beinkleid und unförmigem Schuhwerk beim besten Willen nicht mehr sexy ist, prangt dieses Prädikat dann eben in großen Buchstaben auf dem Hintern.

Gut möglich, dass sich unser Steinzeitmensch selbst eins mit der Keule übergezogen hätte, nur um sich diesen Anblick zu ersparen. Oder wie es Ashton als Walden Schmitt in der US-Sitcom Two and A Half Men fomuliert: "You're either hot or you're cold. Take a stand, ladies."