20. November 2012 14:43 Fashionspießer: Samtslipper Nieder mit den Pantoffelhelden

Slipper sind das Schuhwerk der Krise, samten und mit Monarchie-Motiven bestickt. Doch wer schon halb in die royale Schlappe geschlüpft ist, dem sei gesagt: Was unter der päpstlichen Soutane und an Harald Glööckler seine Berechtigung hat, sieht zu Röhrenjeans einfach nur lächerlich aus. Eine Stilkolumne.

Von Johanna Bruckner

Rot blitzt es unter der weißen Soutane hervor: Papst Benedikt XVI. mit seinem bevorzugten Schuhwerk - Lederslippern in Signalfarbe.

(Foto: AFP)

Die nächtlichen Qualen des Pontifex' fangen bereits beim Einschlafritual an. Schäfchen ziehen vor dem inneren Auge des Oberhirten vorbei, und mit Erschrecken stellt er fest: Die Herde wird immer kleiner. Über diesem beunruhigenden Gedanken driftet er ab ins Land der Albträume. Dunkle Geheimnisse kommen darin ans Licht; der Verräter ist nah, ganz nah. Er schreckt hoch. Verflucht seine Bettlektüre (Illuminati, wider besseren Wissens) und die abendliche Verkostung der neuen Messweine.

Ja, man kann sich schon vorstellen, warum Benedikt XVI. den Weckruf zum ersten Morgengebet freudig begrüßt, wo manch anderer wohl eher die unchristliche Stunde verfluchen würde. Wie er sich aufsetzt, an die Bettkante rutscht und mit einem erleichterten Seufzer in seine geliebten Slipper schlüpft. Ein Hort des Wohlbehagens und der Geborgenheit.

Vom vielen Tragen ist das Leder weich und anschmiegsam. Die rote Farbe, das wissen selbst Kreationisten aus dem Biologie-Unterrichtet, signalisiert " Obacht!" und hält Feind wie Freund auf Abstand. (Letzteres ist insbesondere auf Kirchentagen hilfreich, wenn aus Gläubigen Fans werden, die ihrem Popstar, dem Papst, nahe kommen wollen.)

Die heilige Schlappe ist allgegenwärtig

Nicht zuletzt fertigt Adriano Stefanelli, der päpstliche Schuster, das luxuriöse Laufwerk für lau. Der reguläre Verkaufspreis liegt bei 1200 Euro. In Zeiten, in denen sich Benedikt selbst der Loyalität des eigenen Kammerdieners nicht mehr sicher sein kann, sind die Slipper gleichsam ein Symbol für ehrliche und uneigennützige Freundschaft.

Diese Werte weiß freilich längst nicht mehr nur der Pontifex zu schätzen. Konfessionsübergreifend machen viele seiner Schäfchen schwierige Zeiten durch: Jobs, Geld, Perspektiven - von allem gibt es zu wenig. Der Boden der Tatsachen ist härter denn je, da will man diesen zumindest weich gebettet beschreiten. Die heilige Schlappe ist allgegenwärtig.

Weil die Lederausführung selbst in wirtschaftlich besseren Zeiten für das Gros des Fußvolks unerschwinglich wäre, warten die Schuhdesigner mit einem kostengünstigen Kompromiss auf: Die Slipper werden mit Samt bezogen und wahlweise mit Monarchie-Motiven bestickt oder mit Strass besetzt. Das soll wohl auch an die Anfänge dieses Schuhmodells erinnern, das in abgewandelter Form einst bei Hofe in Kombination mit Gehrock und Kniehose getragen wurde.

Schauspielerin Bonnie Wright mit Smoking Slippers

Samt, Stickerei und Nieten: Die britische Schauspielerin Bonnie Wright mit einem besonders bemühten Slipper-Modell.

(Foto: Getty Images)

Vorbilder, vergangenen Jahrhunderten entsprungen

Dazu passt, dass die Vorreiter des Slipper-Trends vergangenen Jahrhunderten entsprungen scheinen: Rudolph Moshammer, Modedesigner aus München, kombinierte sie dereinst zu Rokoko-Robe und Hausmantel. Würde er noch leben, er hätte sicher auch ein Paar Samtslipper im Schuhschrank - schließlich macht sich das Material ganz wunderbar zu Schoßhündchen Daisys flauschigem Fell.

Und dann ist da Harald Glööckler, Gott des Strass-Schicks und Jünger der Schönheitschirurgie. Natürlich, der Mann hat es mit schwäbischen Tugenden und einem Aussehen irgendwo zwischen Glamour und Groteske zu beachtlicher Bekanntheit und wohl beträchtlichem Reichtum gebracht. Das mag in Krisenzeiten Anreiz sein, ebenfalls in Slipper zu schlüpfen. Doch Harald Glööckler bezeichnet sich nicht umsonst selbst als Gesamtkunstwerk: Für diese Kunst überschreitet er Schmerz- und Schamgrenzen.

Wer dazu nicht bereit ist, sollte von Slippern die Füße lassen. Zu Röhrenjeans kombiniert, künden die nämlich weder von Kunst noch von königlichem Habitus. Sie entlarven den Träger vielmehr als Hofnarr.