Von Ulrich Hartmann

Abwehrschwache Bremer kassieren beim 2:2 gegen Arminia Bielefeld dumme Gegentore. Aufgerüstet wird aber im ohnehin stark besetzen Sturm.

Markus Rosenberg hatte seine Pflicht gewissenhaft erfüllt. Er hat Werder Bremen zwei Mal in Führung gebracht, und dass es am Ende nur zu einem 2:2-Unentschieden reichte, weil Artur Wichniarek für Arminia Bielefeld zwei Mal ausglich, war nicht Rosenbergs Schuld. Nachdem der 25-jährige Schwede in der 60. und 80. Minute zwei Tore geschossen hatte im ersten Saisonspiel und noch dazu auf fremdem Terrain, durfte er guten Gewissens in die Kameras lächeln und sagen: "Wenn ich so weitermache, dann werde ich auch weiterhin spielen." Dass seine Stürmerkollegen Hugo Almeida und Boubacar Sanogo derweil mit tief sitzenden Baseballkappen aus den Katakomben des Stadions flohen, vermittelte den Eindruck einer gewissen Furcht vor dem Dienstag.

Bild vergrößern

Bielefelds Pole Artur Wichniarek gewinnt das Kopfballduell gegen den formschwachen Bremer Clemens Fritz. (© Foto: Getty)

Anzeige

Dann kehrt nämlich Torjäger Claudio Pizarro nach sieben Jahren zu Werder Bremen zurück. Der Stürmer verbreitet Angst und Schrecken bei den dortigen Stürmern, seit sein Wechsel auf Leihbasis für ein Jahr vom FC Chelsea nach Bremen bekannt geworden ist. Am Dienstag reist Pizarro an, aber schon jetzt gilt er ungeachtet seiner unbekannten Verfassung als gesetzt für den mit zwei Positionen ausgeschriebenen Werder-Sturm. Rosenberg ist guten Mutes, sich neben dem neuen Spitzenstürmer für die zweite Hauptrolle empfehlen zu können, doch für Almeida und Sanogo und erst recht für den österreichischen Nationalspieler Martin Harnik wird es vorne ganz eng.

Überangebot an Stürmern

Fünf reinsortige Stürmer haben die Bremer jetzt. Der FC Bayern München zum Vergleich hat nur drei mit Klose, Toni und Podolski. Gegen Hamburg kam bei den Bayern der Amateur Thomas Müller zum Einsatz. Auf Stürmer aus der zweiten Mannschaft muss Werder nicht mehr zurückgreifen, aber eine daraus resultierende Herausforderung ist, wie Almeida, Sanogo und Harnik bei Laune gehalten werden, wenn sie nur wenig spielen dürfen. "Eine Konkurrenzsituation im Sturm ist förderlich", hat der Manager Klaus Allofs in Bielefeld gesagt.

So eine Konkurrenzsituation könnte die nachrangigen Mitbewerber theoretisch zu Höchstleistungen animieren, aber im Fall Sanogo ist seit Monaten schon das Gegenteil der Fall. Der 25-jährige Ivorer ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hat in Bielefeld 18 Minuten spielen dürfen und Almeida 72 Minuten, aber den Kampf gegen Pizarro haben sie mit ihren durchschnittlichen Leistungen beide nicht ernsthaft aufgenommen.

Neuzugang Pizarro hat die beste Torquote

"In einer imaginären Rangliste ist Rosenberg momentan sicher vorne", sagt Allofs. Ob der Schwede nach Pizarros Ankunft noch die Eins oder nur mehr die Zwei ist, ist Rosenberg selbst einerlei. "Hauptsache, ich spiele", sagt er. Er betrachtet Rückkehrer Pizarro, der schon von 1999 bis 2001 in Bremen gespielt hat, als gesetzt. 24 Tore hat Rosenberg in 45 Einsätzen für Werder erzielt. Das macht eine Quote von 0,53 Toren pro Ligaspiel. Sanogo kommt in dieser Statistik auf 0,41, Almeida auf 0,31 und Harnik auf 0,11 Tore.

Claudio Pizarro hat in 230 Bundesligaspielen für Werder Bremen und Bayern München insgesamt 100 Tore geschossen. Das macht eine Quote von 0,43 Toren pro Spiel. "Er ist ein Topmann mit riesengroßer Erfahrung", sagt Rosenberg. Beim FC Chelsea hat der 29-jährige Peruaner Pizarro seine Routine in der vergangenen Saison aber nur sehr limitiert präsentieren dürfen. Bei 21 Einsätzen in der Premier League ist er 17 Mal ein- und vier Mal ausgewechselt worden. Er hat dort insgesamt nur 615 Minuten gespielt und zwei Tore erzielt.

Der Trainer Thomas Schaaf hat also ein Luxusproblem vom kommenden Samstag an, wenn Schalke 04 in Bremen gastiert. Diese Deluxe-Ausstattung im Sturm kann aber die momentanen Sorgen der Bremer kaum übertünchen. Werder hat Probleme in der Abwehr. Schon beim 9:3-Pokalsieg beim Fünftligisten Nordhorn hatten die Bremer drei Gegentore bekommen und in Bielefeld nun wieder zwei. "Das ist unser eigentliches Problem", sagt Manager Allofs, "da müssen wir ansetzen!" Zwei Tore, sagte er nach dem Spiel in Bielefeld, "müssten eigentlich für einen Sieg reichen".

Wichniarek nutzt Bremer Abwehrfehler

Aber weil der neue Innenverteidiger Sebastian Prödl dem Bielefelder Wichniarek den Ball in der 74. Minute geradezu auflegte, und weil der weitgehend indisponierte Außenverteidiger Clemens Fritz in der 81. Minute den Bielefelder Robert Tesche laufen ließ, damit dieser auf Wichniarek weiterleiten konnte, mussten die gebremsten Bremer sich zähneknirschend mit einem allerdings angemessenen Unentschieden begnügen.

Dass mit dem verletzten Innenverteidiger Per Mertesacker und dem Olympiateilnehmer Diego zwei wichtige Spieler fehlten und dass Torsten Frings auch noch mit muskulären Problemen aus dem Spiel ging, die ihn nun vom Länderspiel am kommenden Mittwoch gegen Belgien abhalten, mochte Manager Allofs nicht als Entschuldigung gelten lassen. "In Bielefeld ist unser Spiel nie ein Genuss, das ist schon seltsam", sagte er schulterzuckend und zog neben einem allerdings deutlich grimmiger wirkenden Trainer Schaaf von dannen. So richtig lachen konnte nach diesem durchwachsenen Saisonauftakt nur Markus Rosenberg. Er hat jetzt keine Angst mehr vor dem Dienstag.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/JBe)