SZ: 1860 nimmt eher die Fans in Vorleistung: Die Ticketpreise wurden erhöht.

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Lienen: Stimmt. Ich verstehe, dass das viele nicht nachvollziehen können nach der letzten Saison. Aber leider haben wir nach fünf Jahren zweite Liga kein Geld für große Sprünge. Die Preiserhöhung ist eine nötige ökonomische Basis, um sportlich auf ein höheres Niveau zu kommen.

SZ: Überrascht haben Sie kürzlich mit einer Brandrede: Sie nannten es einen "Skandal", wie Ihre Vorgänger mit einigen Nachwuchsspielern umgingen, die nun den Verein verlassen haben.

Lienen: Das war der Tag, als ich erfuhr, dass Julian Baumgartlinger zu Austria Wien wechselt. Ich war total verärgert. Inhaltlich bleibe ich dabei: Ich verstehe nicht, warum man Jahre in einen jungen Spieler investiert - und niemand hier erkennt, dass das ein Toptalent ist.

SZ: Trotzdem erschien die Pauschalkritik absurd: Kein anderer deutscher Profiklub hat in den letzten Jahren so viele Talente in den Spielbetrieb integriert wie 1860 - häufiger wurde der gegenteilige Vorwurf des "Jugendwahns" erhoben.

Lienen: Es ging mir um Baumgartlinger - und um Nikola Gulan: Der wird ein halbes Jahr vom AC Florenz ausgeliehen, wechselt jetzt wohl für Millionen zu Lazio Rom, aber er spielt hier nur ein einziges Mal! Ich finde es schade, dass mein Vorgänger diesen Spieler nicht gut genug für 1860 hielt. Gulan hätte Spielkultur reinbringen können, und Julian Baumgartlinger wollte ich schon 2007 nach Athen holen: ein aggressiver, kompakter, polyvalenter Spieler. Wenn meine Vorgänger deswegen beleidigt sind, kann ich das nicht ändern. Natürlich weiß ich, dass die Jugendarbeit hier erstligareif ist. Aber man kann jede Ausbildung noch verbessern.

SZ: Sie selbst aber lassen Michael Schick zum FC Augsburg wechseln, der in der Rückrunde gut debütierte. Und Sven Bender geht nach Dortmund. Wie passt das mit Ihrer Kritik zusammen?

Lienen: Bei Schick ist es eine sportliche Einschätzung. Ich finde ihn nicht so stark, ich stelle mir auf seiner Position etwas anderes vor. Und man kann eben nicht alle Talente halten. Wenn wir jedes Jahr zwei, drei A-Junioren auf Topniveau entwickeln, ist das ein Erfolg. Aber dann müssen diese Leute auch spielen. Und wir müssen entscheiden: Bleiben sie und werden feste Bestandteile der Mannschaft - oder benutzt man sie, um mit Ihrer Ablöse das Team anderweitig zu verstärken.

SZ: Wie jetzt beim Tausch: Rechtsverteidiger Rukavina für Sven Bender.

Lienen: Ja, ein reicher Erstligist käme nie auf die Idee, seine besten Leute abzugeben. Der VfB Stuttgart muss Timo Gebhart nicht für drei Millionen verkaufen - 1860 schon, weil es die einzige Chance ist bei unserem strukturellen Defizit.

SZ: Sie kommen aus Westfalen, haben meist bei West-Klubs gearbeitet. Jetzt sind Sie samt Familie - Schwiegersohn Abder Ramdane ist ja Ihr Assistent - nach München gezogen. Schon heimisch?

Lienen: München ist eine wunderschöne Stadt, ich hatte vorher immer nur die Hotelgegend und das Olympiastadion gesehen. London, Paris und Berlin habe ich besser gekannt als München. Es gibt hier traumhafte Ecken, ich liebe alte Häuser. Wer drei Jahre in Athen mit seinen vielen Wohngettos gelebt hat, für dessen Auge ist München eine Wohltat. Und wir haben eine schöne Wohnung gefunden, mitten im Leben, mit Cafes und Geschäften vor der Haustür - nicht in Grünwald.

SZ: Beim Kennenlerngespräch mit den Journalisten zählten Sie die vielen Vorurteile über sich selbstironisch auf: den tüftelnden "Zettel-Ewald", den humorlosen Kauz und Pressefeind oder den politisch motivierten Linksintellektuellen. Kurz danach erschien die dicke Schlagzeile: "Pazifist Lienen spielt Krieg" - Sie hatten die Spieler im Training mit dem Wort Krieg motiviert. Nerven Sie solche Schlagzeilen, die Klischees bedienen?

Lienen: Nein, dazu bin ich zu lange im Geschäft, da müssen sie mich schon total auf dem falschen Fuß erwischen. Zum Beispiel an einem Tag, wenn zwei tolle Talente ablösefrei gehen. Darüber habe ich das Recht, mich aufzuregen.

SZ: Sie sind gerade wieder dabei.

Lienen: Wenn ich solche Talente ausbilde, muss ich dafür sorgen, dass ich langfristig die Transferrechte habe. Es kann nicht sein, dass ich hierher komme, und ein Manuel Schäffler oder ein Fabian Johnson haben nur noch ein Jahr Vertrag.

SZ: Der VfL Wolfsburg und angeblich Bremen wollen Johnson abwerben.

Lienen: Ja. Entweder wir geben ihn jetzt teuer ab - oder wir verlängern sofort den Vertrag! Leute wie Johnson sind das Kapital des Vereins. Jetzt kommen Klubs und sagen: Okay, wenn Ihr zu viel wollt, nehmen wir ihn 2010 ablösefrei.

SZ: Und Sechzig muss das hinnehmen.

Lienen: Weit gefehlt, weit gefehlt! Da nehmen wir gar nichts hin, jetzt bin ich wieder kurz vor einer Brandrede. Hier wird sich einiges ändern. Wenn ein Spieler und sein Berater meinen, dass man nach sieben Jahren Ausbildung ablösefrei gehen kann, wird er bei uns nie mehr spielen. Das gehört künftig zur Philosophie bei 1860. Wer hier groß wurde, der muss den Anstand haben, etwas zurückzugeben. Sonst reagieren wir kompromisslos.

SZ: Heißt konkret: Wenn Fabian Johnson jetzt gehen will...

Lienen: ...wollen und werden wir ihn halten, es sei denn, es wird eine angemessene Summe aufgerufen, die uns an anderer Stelle hilft. Bleibt er aber hier und ist nicht bereit, seinen Vertrag zu verlängern, spielt er bei mir keine Rolle mehr.

SZ: Harte Worte.

Lienen: Das ist total korrektes Verhalten, nicht im Geringsten Erpressung. Diese Haltung ist die einzige Möglichkeit für 1860, zu überleben. Der SC Freiburg hat so jahrelang in der ersten Liga überlebt, weil es dort diese innere Solidarität gab und man für alle ausgebildeten Talente entschädigt wurde. Wir reden ja nicht davon, dass Johnson zu Arminia Bielefeld wechseln soll, sondern zu einem Klub, der nicht weiß, ob er diese Saison 25 oder 35 Millionen ausgibt, die zahlen einen Johnson aus der Portokasse. Nein, ich investiere nicht ein Jahr Arbeit in einen Spieler, damit er 2010 kostenlos geht und mir dann durch mein Fernsehbild läuft. Und es wird auch nicht mehr so sein, dass ein einzelner Berater sechs Spieler oder mehr bei uns hat, so gerät man in eine Abhängigkeitsfalle. Miki Stevic, Manfred Stoffers und ich sind uns da völlig einig. Das ist beschlossene Sache, Feierabend!

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  1. "1860 überlebt nur mit innerer Solidarität"
  2. Sie lesen jetzt Lienen über Transfers bei 1860 und die Stadt München
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(SZ vom 27.06.2009/jbe)