Von Christopher Keil

Wer im Schatten des Betzenbergs aufwächst, wird am besten Weltmeister wie Fritz Walter. Oder er berichtet über Weltmeisterschaften wie Rudi Michel. Am Montag ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Wer den Fußball mag, muss nicht sofort jede moderne Entwicklung verurteilen, beispielsweise die, dass der Fußball sich immer umfangreicher ans Fernsehen, an Sponsoren, an Banken und TV-Rechtehändler verkauft. Rudi Michel war keiner von denen, die vor allem im Vergangenen das Glück der Zukunft suchten. Aber er hatte Sorge, dass die rasante Kommerzialisierung das Spiel beschädigen könnte. In seiner typischen zurückgenommenen Art sagte er deshalb 2006: "Wenn man glaubt, immer noch mehr Geld haben zu müssen, dann wird man mit den Folgen leben müssen." Und er sagte auch: "Der Fußball lässt sich nur bis zu einer gewissen Grenze verändern." Beides ist nur allzu wahr.

Bild vergrößern

TV-Kommentator Rudi Michel starb am Montag im Alter von 87 Jahren in Baden-Baden. (© Foto: AP)

Anzeige

Michel wurde 1921 in Kaiserslautern geboren. Wer im Schatten des Betzenbergs aufwächst, wo hoch über der kleinen Stadt das mächtige Stadion des FCK wie eine Festung steht, wird am besten Weltmeister wie Fritz Walter oder berichtet über Weltmeisterschaften wie Rudi Michel. Mit dem altersgleichen Walter war er befreundet. Er war einer der wenigen Vertrauten von Bundestrainer Sepp Herberger.

Später machte er sich mit Büchern über Fritz Walter und den WM-Sieg der Deutschen 1954 zum Chronisten des Fußballs der fünfziger und sechziger Jahre. 2001 erschien sein Hörbuch mit Erzählungen zur Fußballgeschichte.

1948 begann Michel als Redaktionsvolontär beim Südwestfunk (heute Südwestrundfunk) in Baden-Baden. 1958 kommentierte er bereits das WM-Endspiel zwischen Schweden und Brasilien. Es war die erste Live-Übertragung eines WM-Endspiels im deutschen Fernsehen. 1962 ließ ihn die ARD das WM-Finale zwischen Brasilien und der CSSR in voller Länge nachbesprechen und zeigte das Spiel zwei Tage nach dem Schlusspfiff.

Herausragender Ruf als Radioreporter

Auch 1966 (wie noch einmal 1982) war Michel Endspiel-Reporter. Als das umstrittene dritte sogenannte Wembley-Tor gegen die deutsche Elf fiel durch den Engländer Hurst, kommentierte er: "Kein Tor! Oder doch?" Wer kann schon ein Jahrhunderttor spontan in nur vier Worten erschöpfend beschreiben?

Rudi Michel, der im Südwesten einen herausragenden Ruf als Radioreporter hatte, bevor ihn das Fernsehen bewegte, war stilsicher am Mikrophon. Von 1962 bis zu seiner Pensionierung 1988 leitete er die Sportredaktion des SWF. 1972 machte ihn die ARD zum Teamchef der Olympischen Spiele in München, auf Motorrädern begleitete er die Tour de France.

Seine emotional und rhetorisch reduzierte Kommentierung entsprach seiner Einstellung, ein Reporter habe "Sozius des Bildes" zu sein. Angeblich stammt von ihm die Einschätzung, Fußball sei "die schönste Nebensache der Welt".

Das würde passen. Er, der sich so sehr für andere und anderes interessierte, der ein Faible für den Klub Arsenal London hatte, blickte stets über den Sport hinaus ins Leben. Ende Oktober bei der Verleihung des Deutschen Fußball-Kulturpreises an den Torwart Bernd Trautmann in Nürnberg sah man Rudi Michel die schwere Krankheit nicht an. Am Montag dieser Woche ist er im Alter von 87 Jahren in Baden-Baden gestorben.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 31.12.2008/mikö)