Wutausbrüche des BVB-Trainers Der seltsame Fall des Dr. Klopp

Mal Sympath, mal zornige Fratze: Jürgen Klopp erinnert stark an Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Seine Ausfälle gegenüber Schiedsrichtern werden heftiger, der BVB-Coach muss sich langsam selbst fragen, wie lange er seinen guten Ruf noch beschädigen will.

Ein Kommentar von Freddie Röckenhaus

Robert Louis Stevenson hat eine Reihe großartiger Romane geschrieben, die berühmte "Schatzinsel" zum Beispiel, aber keines seiner Bücher ist so in unseren Sprachgebrauch eingedrungen wie seine Novelle "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde".

Jekyll, der fürsorgliche, besonnene, beherrschte junge Arzt und der gewalttätige, wüste, zerrissene Mr. Hyde, in den er sich nach einem allzu ehrgeizigen Labor-Selbstversuch verwandelt, jedes Mal unter erheblichen Qualen. Und bei jeder Rückverwandlung in den artigen, beliebten Dr. Jekyll befallen ihn Gewissensbisse und Selbstvorwürfe. Die Geschichte nimmt kein gutes Ende, weder für den einen, noch für den anderen.

Nicht, dass bisher jemand an Leib, Leben oder Besitz wirklich zu Schaden gekommen wäre, aber die Nachrichtenagenturen DPA und SID hatten zum seltsamen Fall des Dr. Klopp dessen gesammelte Verwandlungen sehr schnell zu Hand. Insgesamt 48.000 Euro hat Dortmunds vermutlich beliebtester Trainer bisher für seine Ausfälle, meist gegen Schiedsrichter, schon bezahlen müssen.

Als er vor knapp drei Jahren einem überfordert wirkenden vierten Offiziellen bei einem Spiel der Dortmunder gegen den Hamburger SV seine Baseballkappe beim einseitigen Wutdialog ins Gesicht drückte, fanden das manche immer noch ein bisschen zum Schmunzeln: "So ist er halt, ist ja nichts passiert", meinten viele, denen einer wie Jürgen Klopp allemal lieber ist als die Trauerweiden und die Nüchternheits-Fanatiker im Business-Betrieb Fußball.

Als der DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz-Michael Fröhlich seinerzeit davon sprach, dass in Klopps Dr. Hyde-Auftritten allmählich ein "aggressives Potenzial" stecke, aus dem leicht "gewaltsame Exzesse" entstehen könnten, wollten viele das noch für etwas überzogen halten: Klopp wirke zwar in solchen Momenten wie ein nicht angeleinter Rottweiler, er wolle aber doch nur spielen.

Nach den Bildern vom Vesuv in Neapel wird Jürgen Klopp sich aber selber fragen müssen, wie lange er seinen ansonsten guten Ruf als Fußball-Trainer noch beschädigen will, durch die - im wahrsten Sinne des Wortes - Fratze seines Zorns. Aus halb Europa fliegen Jürgen Klopp Sympathien zu, die er mit jeder Metamorphose zum Mr. Hyde in Sekundenschnelle wieder zunichte machen kann. Der Tag, an dem Klopp in so einer Wallung dann sogar die Hand ausrutscht, könnte nicht mehr fern sein.

Was dann? Mit Geldbußen ist bei einem Millionär wie Klopp sicher nichts zu bewegen. Dr. Jekyll kann seinen inneren Mr. Hyde nicht vernichten, ohne sich selbst zu vernichten. Jürgen Klopp könnte das. Alle, die Dortmunds Trainer mögen - und das sind Millionen, die die Romantik im Fußball lieben - wünschen ihm einen schönen, großen Spiegel, in dem er sich bei solchen Ausbrüchen selber sehen kann. Damit der Fall des Jürgen Klopp ein gutes Ende nimmt.