Von Javier Cáceres

Marcelinho wird beim Wiedersehen mit Berlin mit Pfiffen empfangen.

Berlin - Erst als der Neu-Wolfsburger Marcelinho geschlagen aus Berlin davonzog, gab es für ihn eine Geste der Zärtlichkeit, der frühere Kollege Andreas Neuendorf brachte sie ihm dar. Noch auf dem Platz legte der Berliner dem Artisten aus Brasilien die Hand auf den Nacken und zog ihn an sich heran.

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"Ich hab' ihm gesagt, wie sehr ich mich freue, dass er wieder in der Bundesliga ist, und dass ich ihm alles Gute wünsche", referierte Neuendorf nach dem 2:1-Sieg Herthas gegen Wolfsburg. Vor allem aber habe er ihm gesagt: "Kopf hoch!"

Ein prägender Dirigent

Es war dies mehr als der branchenübliche Trost für Besiegte, wer wollte, konnte bei Neuendorf sogar einen entschuldigenden Unterton heraushören. Jedes Mal, wenn Bundesliga-Rückkehrer Marcelinho die Blicke auf sich lenkte, fand sich eine Mehrheit, so groß wie weiland auf Parteitagen der bulgarischen KP, bereit, Marcelinho in Grund und Boden zu pfeifen: als sein Name beim Verlesen der Aufstellung fiel wie bei jedem Ballkontakt.

Als ob er sich, was ja nicht der Fall war, eines Verrates schuldig gemacht hätte, als er sich im Sommer für ein schließlich rasch bereutes Engagement bei Trabzonspor in die Türkei aufmachte.

Mögen Ratio und Kinderstube beim Kampf um drei Punkte eine noch so relative Kategorie sein - gemessen daran, dass Marcelinho von 2001 bis 2006 ein die Stadt weit prägenderer Dirigent gewesen war als Thielemann, Barenboim und Rattle zusammen, war es ein erstaunlich rotzig-provinzieller Mangel an Größe, der am Samstag in der Kurve zutage trat.

Ganz Grün-Weiß

Ein Nachtreten übrigens, das Neuendorf weit mehr Unbehagen bereitete ("Das hat Marcelo nicht verdient") als seinem Trainer Falko Götz. "Die Reaktion der Fans muss man verstehen", sagte dieser, "wenn man sieht, wie sich unsere Ex-Spieler über das Tor gefreut haben - die waren voll und ganz Grün-Weiß."

Das freilich erfüllte den Tatbestand der Verwechslung von Ursache und Wirkung. Denn als Wolfsburgs Manndecker Alexander Madlung, wie Marcelinho ebenfalls bis 2006 bei Hertha, Wolfsburg per Abstauber in Führung brachte (18.), waren die Pfiffe längst unüberhörbar gewesen.

Marcelinho wiederum zeigte sich erstaunlich souverän: "Natürlich bin ich traurig, ich hätte das nicht erwartet, nach all dieser Zeit. Aber ich jetzt halt bei Wolfsburg." Und dort auf dem besten Wege, das bislang von innerer Leere geprägte Spiel nachhaltig zu verändern. "Hohe Bälle von außen sind für mein Spiel zwar gut, aber ich spiele auch gerne Fußball", sagte Stürmer Klimowicz, und auch Abwehrchef Hofland freute sich, dass nun ein Spieler im Mittelfeld ist, der die Kugel annimmt, behauptet und diese, auf Hochglanz poliert, weitergibt.

70 Minuten lang ging das so gut, dass ein Punkt für Wolfsburger fast unangemessen wenig gewesen wäre. Danach ging Marcelinho der Strom aus, und auch das trug dazu bei, dass die Co-Produktion von Madlung und Marcelinho (bei freundlichen Komparsen-Diensten des Aushilfstorwarts Stuhr-Ellegaard, der einen Freistoß Marcelinhos abprallen ließ) schließlich doch nicht zur Pointe einer insgesamt mediokren Partie geriet.

Sinnbildhaft an ihr war, dass die Tore zum 2:1 von den Spielern erzielt wurden, die am meisten für Herthas Emanzipation von Marcelinho gesorgt haben: Christian Giménez (27.) und Marko Pantelic (86./Elfmeter nach Foul von Hofland an Giménez). 17 der 30 Hertha-Tore haben die beiden nun schon erzielt.

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(SZ vom 29.1.2007)