Eine Analyse von Johannes Aumüller

Armin Veh ist in Wolfsburg am schweren Erbe seines Vorgängers, an den Ansprüchen der VW-Bosse und am eigenen Stil gescheitert.

Armin Veh hatte es schon geahnt. "Ich bin ja lange im Geschäft", lautete am Sonntagabend seine Standardantwort, wenn er nach seiner Zukunft beim VfL Wolfsburg gefragt wurde. Mit 2:3 hatte der amtierende deutsche Meister gegen den 1. FC Köln verloren und war mit diesem neunten erfolglosen Pflichtspiel in Serie in der Tabelle auf Platz zehn gestürzt.

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Armin Veh ist nicht mehr Trainer des VfL Wolfsburg. (© Foto: Getty)

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Seit dem Schlusspfiff dieser Partie war Vehs Entlassung nur noch eine Frage des Wann, nicht mehr eine Frage des Ob. Am Montagnachmittag um 16:11 Uhr meldete dann die erste Nachrichtenagentur: Wolfsburg entlässt Trainer Veh.

Der 48-jährige Veh ist an zwei strukturellen Problemen gescheitert. Zum einen war da das unglaubliche sportliche Erbe, das Vorgänger Felix Magath hinterlassen hatte. Überraschungsmeister mit dem vormaligen Mittelfeldklub Wolfsburg; 43 Punkte in der Rückrunde der vergangenen Saison; 80 Tore, mit Grafite/Dzeko das beste Angriffsduo der Liga. Von einem solchen sportlichen Zenit aus gibt es nur einen Weg: jenen bergab.

Zum anderen war da das unglaublich hohe Anspruchsdenken der Verantwortlichen bei Volkswagen. VW ist ein Global Player, und entsprechend soll auch bitte schön der üppig unterstützte VfL nicht im oberen Mittelfeld der Bundesliga herumdümpeln, sondern sich in Deutschlands und Europas Spitze etablieren. Ein Ziel, an dem nebenbei bemerkt in den vergangenen 30 Jahren außer dem FC Bayern jede deutsche Mannschaft gescheitert ist; Mönchengladbach, Hamburg oder Dortmund schafften es jeweils für eine Handvoll Jahre.

Dauerhafter Erfolg im Fußball lässt sich eben noch schlechter planen als die Entwicklung eines Autos. Armin Veh gehörte zu denen, die das wussten. Schon zu seinen Stuttgarter Zeiten musste er miterleben, wie auf die Meisterschaft im Jahr 2007 der Absturz folgte. Und entsprechend vorsichtig formulierte er während seines Engagements in Wolfsburg die Ziele. Die Titelverteidigung nannte er utopisch, Rang fünf hätte ihm schon gereicht - zu wenig bei diesem Magath-Erbe und diesen Ansprüchen des Weltkonzerns. Vielleicht passten Veh und der Verein einfach weniger zusammen, als sie das selbst im Sommer bei der Vertragsunterzeichnung glaubten.

Zudem hat Veh selbst Fehler gemacht. Unter Magath war die Wolfsburger Mannschaft darauf getrimmt gewesen, mit ihrem Power- und Konterfußball zum Erfolg zu kommen. Rustikales Defensivverhalten, rasches Ausschwärmen nach der Balleroberung, weite Pässe zu den Offensivspielern, zu Grafite, Dzeko und Misimovic, die dann schon irgendetwas Gescheites draus machen würden.

Veh ahnte bei seinem Amtsantritt, dass im neuen Jahr und mit dem Meisterstatus dieser Zackzackstil gegen viele Mannschaften nicht mehr möglich sei und wollte zum Magath'schen Stil eine zusätzliche Spielkomponente entwerfen. Die des gepflegten Kombinationsfußballes. Doch letztlich zahlte sich diese geplante Repertoireerweiterung nicht aus, sondern verunsicherte eine Mannschaft, die sich einer ihrer Stärken beraubt fühlte.

Schwache Einkaufspolitik

Verunsicherung setzte auch noch an einer zweiten Stelle ein, nämlich in der Abwehr. 19 Spieltage lang dokterte Veh an der Besetzung der Viererkette herum, restlos zufrieden war er nie. Der Italiener Andrea Barzagli, Weltmeister von 2006 und im Meisterschaftsjahr eine große Stütze, fand sich zwischenzeitlich mal auf der Bank wieder, Alexander Madlung flog aus der Startelf gegen Stuttgart direkt auf die Tribüne gegen Köln, für hinten rechts suchte man verzweifelt einen Neuen, zuletzt immer intensiver Schalkes Rafinha. So konnte sich die Defensive nie einspielen und wurde entsprechend anfällig.

Es gibt noch einen dritten Punkt, den sich Veh ankreiden lassen muss. Die von ihm verantworteten Zugänge - er war ja wie zuvor Magath nicht nur als Trainer, sondern auch als Manager und Geschäftsführer gekommen - schlugen nicht ein. Kahlenberg war lange verletzt, Ziani entwickelte sich nicht zu einer echten Alternative, und Martins spielte zwar ganz anständig, aber eben nicht so anständig, wie man es sich von einem Angreifer erwartet, der einen zweistelligen Millionenbetrag kostete.

Nur sechs Monate hat die Allianz zwischen dem VfL und Veh gehalten. Für den Trainer war es schon der zweite Rauswurf bei einem amtierenden deutschen Meister - und der Klub muss sich nun nach einem neuen Mann umschauen, der stark genug sein muss, aus dem Schatten von Felix Magath zu treten. Und der stark genug sein muss, um dem großen Anspruchsdenken des Weltkonzerns VW zu genügen.

Fußball made by Volkswagen - viele Kandidaten gibt es da nicht.

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(sueddeutsche.de/hec/jja)