Von Lena Jakat

Die Berliner Wasserwerker wissen stets genau, wann Halbzeit ist, auch ohne auf die Uhr oder den Fernseher zu schauen. Die Statistik der Toilettenspülungen verrät es ihnen.

Für Zahlenbegeisterte hat die Fußball-Weltmeisterschaft allerhand zu bieten: Da lässt sich statistisch begründen, warum die deutsche Elf mit signifikanter Wahrscheinlichkeit ins Finale kommt oder warum dies eben nicht der Fall ist, da werden Höchstgeschwindigkeiten von Stürmern ausgerechnet, mit und ohne Ballkontakt. Überall tauchen neue Rechenmethoden auf, die alle zum ersten Mal eine "völlig objektive" rechnerische Auswertung von Fußballspielen ermöglichen. Die Berliner Wasserbetriebe setzen noch eins oben drauf - mit einer Spülstatistik für jeden Spieltag.

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Die Abgabe von Wasser verhält sich umgekehrt proportional zur Aktivität auf dem Fußballrasen, wie die Spülstatistik verrät. Der australische Künstler Vernon Ah Kee hatte bei dieser Toiletten-Installation aber wohl andere Zusammenhänge im Kopf. (© ag.afp)

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Pfeift der Schiedsrichter die erste Hälfte ab, verlassen die Fußballfans, die eben noch an den heimischen Flachbildschirmen klebten, fluchtartig die WM-Couch, um sich in der kurzen Halbzeitpause neben der nervlichen auch körperliche Erleichterung zu verschaffen. Diese kollektive Sofa-Flucht spiegelt sich, ebenso wie An- und Abpfiffe in den Spülstatistiken des Berliner Wasserversorgers deutlich wider: 

So stieg beim Spiel der deutschen Elf am Freitag gegen Serbien der Wasserverbrauch in der Halbzeitpause um rund 15.000 Kubikmeter pro Stunde. Auch zum Schlusspfiff weist die Spülkurve der Toilettenbenutzer einen deutlichen Ausschlag nach oben auf: Verbrauchten die Hauptstädter zur 80. Spielminute etwa 22.500 Kubikmeter Trinkwasser (auf die Stunde gerechnet), waren es zehn Minuten nach Spielende bereits 38.000.

Statistiken wie diese werden ständig automatisch erstellt, doch zu dieser Weltmeisterschaft sind sie zum ersten Mal für alle zahlenaffinen WM-Fans online einsehbar. "Seit Jahren werden wir von den Medien nach diesen Zahlen gefragt", sagt Stephan Natz, Sprecher des Berliner Wasserversorgers.

Um korrekt zu sein: Freilich fließen in die Statistik auch diejenigen Fernsehgucker ein, die sich in der Halbzeitpause ein Glas Wasser holen oder noch schnell die Waschmaschine anstellen. Doch ausschlaggebend für die Nachfrage-Explosionen ist das Hasten zur Toilette. "Die WM ist nicht das einzige TV-Ereignis, zu dem wir solche Spitzenwerte bekommen", sagt Natz. "Die Lena-Kurve hatte zum Beispiel auch einen schönen Ausschlag." Gemeint ist damit die Statistik vom 29. Mai, dem Abend des Eurovision Song Contests.

Nationale Fernsehereignisse sind seltener geworden, seit sich die TV-Kanäle vervielfacht und die Medienlandschaft und ihre Nutzer grundlegend verändert haben. Zu den Zeiten von Hans-Joachim Kulenkampff waren Kurven mit solchen Ausschlägen häufig zu beobachten, dazu lief die Wasserversorgung nicht so vollautomatisiert wie heute.

"Damals gehörte eine Programmzeitschrift zur Pflichtlektüre jedes Wasserwerkers", sagt Natz. "Er musste schließlich wissen, wann er die nächste Pumpe anschmeißen muss." Heute freilich muss niemand mehr am Samstagabend in einem Wasserwerk  irgendwo in Berlin per Hand einen Pumpenhebel umlegen. Ihre traditionelle Begeisterung für schöne Kurven haben sich die Wasserwerker trotzdem erhalten. Während der WM in Südafrika werden sie noch einige zu sehen bekommen.

Die Spülstatistiken finden Sie täglich auf den Seiten der Berliner Wasserbetriebe.

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(sueddeutsche.de/leja)