Von T. Hummel

Nach einer fulminanten Halbzeit rettet Deutschland mit Mühe und Glück ein 2:1 gegen Russland über die Zeit. Nur einer genießt jede Sekunde.

Nach 40 Minuten wippte Joachim Löw auf einer Werbebande im Dortmunder Stadion, die Beine baumelten in der Luft. Der Bundestrainer in seinem grauen Anzug und Rollkragenpulli gab ein sehr entspanntes Bild ab, was in diesem Moment völlig berechtigt war. Bis hierhin hatte seine Mannschaft die seit der Europameisterschaft hoch respektierten Russen auf eine Weise dominiert, wie das kaum einer erwartet hatte. Etwa 40 Spielminuten später sah man Joachim Löw dann recht aufgeregt gestikulieren, man sah ihn rufen und an der Außenlinie herumtigern. Am Ende rettete die DFB-Elf nach Treffern von Lukas Podolski und Michael Ballack mit Mühe und Glück ein 2:1 gegen Russland, den wohl stärksten Gegner in der WM-Qualifikationsgruppe 4, über die Zeit.

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"Ich muss niemanden mehr etwas beweisen", sagt Michael Ballack. Aber hier hat er bewiesen, dass er immer noch sehr torgefährlich ist. (© Foto: dpa)

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Löw hatte in der vergangenen Woche angekündigt, es gebe nun keine Garantien mehr auf einen Platz in der Anfangself. Er wollte damit die Genügsamkeit aus der Mannschaft des EM-Zweiten vertreiben. Selbst Michael Ballack musste, zumindest nach außen hin, warten, bis Löw den Spielberichtsbogen ausfüllen ließ. Der Kapitän entdeckte seinen Namen an der richten Stelle, im Gegensatz zu Torsten Frings. Der 31-jährige Bremer war das prominente Opfer der Löw'schen "Ich-zieh-die-Zügel-an"-Rhetorik. Frings saß bei diesem wichtigen Spiel erst einmal auf der Bank, für ihn lief der Stuttgarter Thomas Hitzlsperger neben Ballack im zentralen Mittelfeld auf. Und schon wurde diskutiert: War das der erste Schritt des Joachim Löw hin zu einem Generationswechsel?

Im Tor findet dieser Generationswechsel bereits seit der EM statt. Nach dem Rücktritt von Jens Lehmann setzte sich zunächst Robert Enke aus Hannover durch, doch der brach sich am Donnerstag die Hand und so rückte der 23-jährige Rene Adler nach. Das erste Länderspiel für den Leverkusener - ausgerechnet so ein entscheidendes. Bei der Hymne jedenfalls war Adler schon textsicher, und Co-Trainer Hans-Dieter Flick betonte: "Rene ist cool."

Wie einst im Juni

Im Angriff indessen fand kein Wechsel statt. Einige hatten mit Patrick Helmes oder Mario Gomez gerechnet, doch es stürmte das bekannte 2006-Sommermärchen-Duo Klose/Podolski. Und sie stürmten wie einst im Juni. Die gesamte DFB-Elf erinnerte sich an diesem wichtigen Abend an die wichtigen Tage im Jahr 2006, als sie häufig wie aufgedreht aus der Kabine heraus auf die Gegner losgestürmt war. Schon nach 30 Sekunden zielte Ballack das erste Mal Richtung russisches Tor, nach 100 Sekunden köpfte Klose.

Auch Russlands Trainer Guus Hiddink hatte seiner Mannschaft Aggressivität verordnet, die Gäste versuchten sich im Pressing und hatten die erste große Möglichkeit. Juri Schirkow, der starke Linksverteidiger, fand in der Mitte Pawel Pogrebnjak, den hoch gelobten Stürmer. Doch der Petersburger bekam den Fuß nicht hoch genug, aus fünf Metern lenkte er den Ball über Adlers Tor (4.). Hätte Pogrebnjak getroffen, zumindest die erste Halbzeit wäre wohl anders verlaufen. Vielleicht wären die Deutschen dann nicht so forsch, ja beinahe wild, auf die russische Abwehr gerannt. Löw hatte diesen Mannschaftsteil offensichtlich als Schwäche beim Gegner ausgemacht, die es stets zu traktieren galt.

Nach neun Minuten setzten die Spieler Löws Vorgaben vom neuen, schnellen Offensivfußball perfekt um: ein Vertikalpass von der Mittellinie nach vorne, mit einer Berührung weitergeleitet auf Klose, der sich drehte und wieder steil in den Strafraum legte, wo Podolski viel schnellkräftiger war als Gegenspieler Beresuzki und zum 1:0 vollendete.

Rasante Deutsche

So viel war vorher das russische Tempospiel gelobt worden, nun wirbelten die Deutschen so rasant wie selten. Piotr Trochowski gab den Ball nach 28 Minuten in die Mitte auf Bastian Schweinsteiger, der sah Ballack am zweiten Pfosten heranstürmen. Schweinsteiger streichelte die Kugel regelrecht über die Innenverteidigung hinweg - Ballack stubste sie zum 2:0 ins Netz.

Nun waren die Russen endgültig eingeschüchtert. Das Angriffsspiel erlahmte völlig, während die Deutschen phasenweise gar zu Überheblichkeit neigten. Dabei vergaßen sie, das Spiel zu entscheiden. Trochowski und Podolski, auch Lahm hatten gute Weitschussmöglichkeiten, doch immer brachte Torwart Igor Akinfejew (der mit 22 noch ein Jahr jünger ist als Adler) einen Körperteil dazwischen.

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