Von Frank Nienhuysen

Russlands Trainer Guus Hiddink hat seine Spieler überzeugt und seine Gegner zum Schweigen gebracht. Nun ist er Alleinherrscher - und ziemlich beliebt.

Vertragsabschlüsse hängen selten vom Büchergeschmack ab, aber vielleicht lässt sich ja doch etwas herauslesen aus den literarischen Vorlieben von Guus Hiddink. Russlands Nationaltrainer aus den Niederlanden hat sich gerade eine Biografie über Stalin gekauft. Die Epoche der Zaren und die Revolution habe er durch, und nach dem Stalin-Buch hat er sich bereits Chruschtschow, Breschnjew, Andropow und Tschernenko vorgenommen. "Die Geschichte hilft mir dabei, die Menschen zu verstehen", sagt er. Es blieben dann immer noch Gorbatschow, Jelzin, Putin und Medwedjew, und das alles könnte ihn womöglich auf die Idee bringen, doch noch in Russland zu verlängern.

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Stratege oder Herrscher? Guus Hiddink diktiert den russischen Fußball. (© Foto: dpa)

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"No Guus, no team"

Unmittelbar vor dem bedeutendsten Spiel des Jahres an diesem Samstag debattiert das Land nämlich über die weitere Präsenz seines wichtigsten Trainers. Hiddinks Vertrag endet nach der WM 2010, und erst einmal muss er sich mit der Sbornaja überhaupt für Südafrika qualifizieren. Aber die Spieler selber beteiligen sich an dieser Debatte mit einer Deutlichkeit, die viel aussagt über den exponierten Stellenwert des niederländischen Russen. Roman Pawljutschenko und Sergej Semak sagten, ohne Hiddink würde die Mannschaft ganz anders aussehen und könnte nicht den schönen und erfolgreichen Fußball spielen, den man derzeit sehe. Sie würden bei Bedarf definitiv versuchen, ihn zum Bleiben zu überreden. Und der prominente Stürmer Andrej Arschawin, im Gespräch ähnlich prägnant wie Lukas Podolski, meinte sogar: "No Guus, no team."

Hiddink hat es mit dem Erfolg bei der EM 2008 zu einem der beliebtesten Nicht-Russen im Land gebracht. Er hat die Sbornaja geformt wie vorher kaum ein anderer seiner russischen Vorgänger, und längst ist die Botschaft angekommen im Volke: Alle Macht geht von Hiddink aus. Sein Assistenztrainer Alexander Borodjuk, einst viele Jahre Bundesliga-Profi auf Schalke, ist ein freundlicher Assistent, aber jegliche Auskunft zum Deutschlandspiel und zur Mannschaft lehnt er entschuldigend ab: "Da musst Du Guus fragen."

Es ist Hiddinks Mischung aus Disziplin, Lässigkeit und Sachverstand, die für die russische Mannschaft zu einem Erweckungserlebnis geführt hat. Beim öffentlichen Training im Luschniki-Stadion tritt er lächelnd dem jungen Alan Dsagojew in den Hintern, in einer Pause krault er zärtlich Pawel Pogrebnjak den Kopf. Aber fuchsteufelswild wird er, wenn beim Tempospiel mit nur einem Ballkontakt der vertikale Pass auf den Stoßstürmer schlampig gespielt wird. Dann stößt er eine schwer verständliche Lautfolge aus Englisch, Niederländisch und Russisch aus. Aber er vergibt auch wieder schnell.

Ende des Regimes

"Guus Hiddink hat hier eine richtige Revolution zu Stande gebracht", sagt Fußball-Redakteur Anton Lisin von der Zeitung Sowjetskij Sport. "Alle wissen, es dürfen auch Späße gemacht werden. Wohl noch nie war das Vertrauen zwischen Spielern und Trainer so groß." Früher habe es meist ein geschlossenes, strenges Regime gegeben. "Jetzt ist es wie ein Feiertag, wenn sich die Sbornaja trifft."

Russlands Trainer hatten dagegen ein ganz anderes Empfinden, als vor drei Jahren in dem von Nationalstolz geprägten Russland ein Niederländer die Auswahl übernahm. Ein Zirkel von erfahrenen Ausbildern wie Hiddinks Vorgänger Walerij Gasajew erklärte ziemlich deutlich, dass die Nationalmannschaft nichts für einen Ausländer sei. Und das Verhältnis wurde keineswegs besser, als Hiddink ebenso offen das Niveau der russischen Trainerausbildung kritisierte.

Inzwischen ist der Widerstand gebrochen, seine Gegner schweigen. Welche Einwände sollten sie auch noch vortragen? Der ehemalige Bondscoach und Trainer von Real Madrid führte die Sbornaja von irgendeinem Platz im tristen Graubereich bis in die europäische Spitze. Seine Protagonisten spielen bei Mannschaften wie Arsenal, Chelsea, Tottenham. Und nun ermuntert er auch noch seinen Torwart Igor Akinfejew zu einem Wechsel von ZSKAMoskau zu einem der honorigen Auslandsklubs. Hiddink weiß, dort wird den Spielern im Wochenrhythmus mehr abverlangt als in Russland mit Vereinen wie Chimki, Kuban und Naltschik.

Als Russland im August in einem Testspiel gegen Argentinien verlor, führte er dies auch darauf zurück, dass seinem Team nach 60 Minuten die Kräfte schwanden. Alle Argentinier spielten eben in den europäischen Topligen, das sei nun mal der Unterschied.

Vor dem Deutschland-Spiel hat Hiddink von dieser Sorge nicht mehr gesprochen. Respekt haben die Russen zwar vor der Physis der Deutschen, aber sie sehen nur einen Grund, auf ihre Gegner aufzuschauen. "Sie sind im Schnitt zehn Zentimeter größer als wir", sagt Vize-Kapitän Sergej Semak, "aber sonst haben wir vor gar nichts Angst." So ähnlich hat es auch Hiddink formuliert.

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(SZ vom 09.10.2009/thi)