WM-Qualifikation Löw päppelt seine Nationalspieler auf

Grund zum Feiern für Sebastian Rudy (Mitte/Nr. 21): Qualifikation für die WM perfekt, schönes Tor geschossen.

(Foto: dpa)
Von Philipp Selldorf, Belfast

Die großen Bayern in der Krise, der deutsche Vereinsfußball im fortgeschrittenen Zerfallsstadium? Die Anhänger der nordirischen Nationalmannschaft wagten dank der aktuellen Nachrichtenlage mehr Zuversicht als je zuvor, als sie zu Tausenden quer durch Belfast zum Windsor Park pilgerten, erfrischt durch regelmäßige Regenschauer und gestärkt durch geistige Getränke, die am Wegesrand aufgenommen wurden. Singend zogen sie ins Stadion ein, und singend verließen sie es auch wieder, aber es waren keine Triumphlieder, denn der deutsche Patient hat in der Obhut von Doktor Löw gleich mal wieder auf den Pfad der Besserung gefunden.

Der 3:1-Sieg in Belfast dient dabei nicht nur als Mittel gegen akute Beschwerden - er verhilft der DFB-Auswahl auch zur Zulassung für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Im neunten Spiel der Qualifikationsgruppe C der neunte Sieg: an dieser Bilanz ist schwerlich etwas auszusetzen. "Ich bin schon zufrieden. Wir haben nach dem frühen 1:0 schnell nachgelegt", sagte Joachim Löw in einer ersten Stellungnahme. Sebastian Rudy, der für dieses frühe 1:0 verantwortlich war, sah sich prompt zu einer kleinen Regierungserklärung ermuntert: "Wir haben das Spiel die ganze Zeit dominiert. Nach Russland fahren wir, um was zu reißen", sagte er: "Wir wollen den Titel dort erfolgreich verteidigen."

Wagner entdeckt seine nordirischen Wurzeln

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Die in Verruf geratenen Bayern hatte der Bundestrainer in umfassender Fürsorge fast im halben Dutzend in sein Team eingebaut; er nominierte sämtliche Münchner, die sein Kader hergab, Jérôme Boateng kam somit nach einem Jahr Länderspielpause zum Comeback. Dazu nahm Löw mit dem in Hoffenheim beschäftigten Sandro Wagner und Marvin Plattenhardt von Hertha BSC zwei (ebenfalls europacupgeschädigte) Spieler in die Startaufstellung auf, die nach ihren Gastspielen beim Confed Cup schon ein wenig als abgeschrieben galten. Während sich darüber noch mancher Experte wunderte, stand es schon 1:0 für die Deutschen, nach nicht mal anderthalb gespielten Minuten. Ein Querschläger aus dem nordirischen Strafraum war bei Sebastian Rudy gelandet, der den Ball umgehend ins Netz beförderte. Schusshaltung und Schusstechnik gaben Anlass zur Bewunderung, man darf von einem traumhaften Tor sprechen.

Auf den Rängen herrschte für eine Weile Stille, jedoch nicht länger als ein Dutzend Atemzüge. Dann feuerten die enorm patriotischen nordirischen Fans ihre Mannschaft wieder an, die sich davon aber auch nicht aus der Deckung locken ließ. Sie behielt ihre gewohnt strenge Ordnung bei und überließ den Gästen weite Teile des Terrains ohne Gegenwehr, weil sie damit beschäftigt war, rund um den eigenen Strafraum Mauern zu bilden. Mats Hummels geriet somit in die seltsame Lage, dass er tief in der gegnerischen Hälfte immer wieder der letzte Mann vor Torwart Marc-André ter Stegen war.