Bundestrainer Löw und der neue Konkurrenzkampf beim FC Deutschland 08 - ein Überblick über den Stand der Dinge auf allen Positionen.
In dieser Woche hat Joachim Löw seine Nationalmannschaft überraschend zur Vereinsmannschaft erklärt (folgend FC Deutschland 08 genannt). "Es gibt keine Garantien mehr", betonte Löw, was bedeutet, dass es bisher offenbar welche gab. Löw möchte seine Feiertagsmannschaft künftig den Gesetzen des Alltags unterwerfen: Die Hierarchie, bislang ein heiliges Wort im Führungsspieler-Land, soll sich stärker an aktuellen Banalitäten orientieren, z.B. Leistung.
Bild vergrößern
Kommt ein Russe geflogen...Bastian Schweinsteiger ist auch hier nah dran, er hat beim FC Bayern und im Nationalteam derzeit einen Stammplatz. (© Foto: AFP)
Anzeige
Historische Verdienste, z.B. Metzelder, führen nicht mehr automatisch zum Stammplatz, wenn aktuelle Banalitäten, z.B. Leistung, dagegensprechen. Auch andere Banalitäten, z.B. die "absolute Fitness", sollen stärker berücksichtigt werden. "Ich glaube, das Wort Stammspieler kann man nicht mehr gebrauchen", sagte Thomas Hitzlsperger am Dienstag. Löw und der neue Konkurrenzkampf beim FCDeutschland 08 - ein Überblick vor dem letzten Pflichtspiel des Jahres.
Tor
An dieser ehrwürdigen deutschen Position zeigt sich am besten, wie die Hierarchien im Fluss sind. Aus der vorläufigen Nummer eins, Robert Enke, wurde aufgrund eines Kahnbeinbruchs eine ehemalige vorläufige Nummer eins. Aus der vorläufigen Nummer zwei, Rene Adler, wurde eine vorläufige Nummer eins. Nach der Eigendynamik des Russland-Spiels ist nicht mehr auszuschließen, dass aus der vorläufigen Nummer eins Rene Adler bald eine endgültige Nummer eins wird - und aus der ehemals vorläufigen Nummer eins Robert Enke eine dauerhafte Nummer zwei. Während den schwer sympathischen Enke bei seinen drei Länderspieleinsätzen nur freundliches Wohlwollen empfing, wurde Adler stürmisch gefeiert.
Die Volksabstimmung im Stadion erbrachte sensationelle Werte für den Leverkusener, was ihm eine - Achtung! - Einsatzgarantie fürs Wales-Spiel und wohl auch fürs Testspiel gegen England (19.11.) sicherte. Und unter uns: Wer soll einen Mann aus dem Tor verdrängen, den die Zeitungen "Bundes-Adler" nennen? Vermutlich wird sich bald keiner mehr an den Namen "Rene" erinnern und der Bundes-Adler wird zum einzigen Deutschen ohne Vornamen, neben Bahnchef Mehdorn natürlich.
Die Macht des Faktischen spricht zurzeit klar für Adler: Womöglich wird Enke erst zur Rückrundenvorbereitung wieder trainieren können, was ihm auch fürs Testspiel gegen Norwegen (11.2.) Probleme mit den Banalitäten (z.B. absolute Fitness) bereiten könnte. Ansonsten wird der FC Deutschland 08 auch Manuel Neuer weiter beobachten, der zuletzt aber in der U21 Minuspunkte bei einer Banalität (Leistung) sammelte. Was an der grundsätzlichen Tauglichkeit des Schalkers nichts ändert: Neuer gilt weiter als ernsthafte Option, anders als der Bremer Tim Wiese, der zwar Pluspunkte bei den Kopfnoten einstrich (betrug sich anständig, türmte nicht in der Halbzeitpause), aufgrund seines Spielstils aber weiterhin nicht als bevorzugter Kandidat gilt. Und unter uns: Was soll denn eine Bundes-Wiese sein? Ein Belohnungsspiel, irgendwann, scheint aber nicht ausgeschlossen.
Und sonst? Gibt's noch Timo Hildebrand, Michael Rensing und Roman Weidenfeller. Aber die sind im Moment ähnlich nah dran am DFB-Tor wie, sagen wir, Dimo Wache.
Abwehr
Wie Hildebrand, so befindet sich auch Christoph Metzelder in einer "spanischen Karriere" (anderes Wort für: Krise). Diesmal nicht nominiert, um in Madrid "einfach mal vernünftig zu trainieren". Bislang dachte man immer, das Problem sei, dass er einfach mal vernünftig spielen sollte. Metzelder weiß: Die Wertschätzung von Bundestrainer Löw bleibt bestehen, die Nicht-Wertschätzung von Klubtrainer Schuster auch, was zu einer Unterrubrik in der Banalitätenliste führt: zur "Spielpraxis". Ohne sie bleibt Metzelder ein ehemaliger Abwehrchef, was Per Mertesacker in den Rang eines vorläufigen Abwehrchefs erhebt. "Schnarch und Schleich" wurden das Duo vor der EM genannt, nun muss sich Schnarch einen neuen Schleich suchen.
Erster Kandidat: Heiko Westermann, wobei der Schalker Dynamiker eher das Gegenteil von "Schleich" ist. Gegen die Russen haben die beiden schon mal ein paar neue Markennamen durchprobiert: "Hans und Dampf" oder "Klär und Köpf" (beides aus der ersten Halbzeit) sowie, in der Schlussphase, "Taumel und Torkel". Gäbe es noch Einsatzgarantien, diese beiden hätten vorerst eine verdient. So aber muss sich Westermann nicht nur des Stuttgarters Serdar Tasci erwehren, sondern vor allem des Berliners Arne Friedrich, der nur ein vorläufiger Rechtsverteidiger ist. Der Innenverteidiger hält draußen nur die Stellung, weil Clemens Fritz so außer Form ist, dass einem gar nichts zu ihm einfällt - außer, dass er bei Werder seinen Platz an Sebastian Prödl verloren hat, einen Österreicher.
Ansonsten bleiben Löw in der Innenverteidigung die drei Perspektiv-H's (Huth, Hummels, Höwedes), aus dem Perspektiv-S wird dagegen nichts: Eine Einbürgerung des bosnischen Kroatoamerikaners oder kroatischen Amerikanobosniers Neven Subotic haben sie beim DFB inzwischen aufgegeben. Wie auch den Leverkusener Manuel Friedrich - der ist zwar eindeutig Deutscher, ansonsten aber leise verschwunden (ohne zu türmen).
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es um die Besetzung der deutschen Außenverteidiger, des Mittelfelds und des Sturms steht.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Fußball-WM 2010 Südafrika RSS
- René Adler im Interview "Lauwarme Sachen mag ich nicht" 14.10.2008
- Kevin Kuranyi "Ich konnte das nicht mehr ertragen" 13.10.2008
- DFB-Elf gegen Russland Und die Offensiven bauen ab 11.10.2008
- Fußball-WM: Historie (1) Grossos Schuss ins Sommermärchen-Herz 19.05.2010
- Fußball-WM: Nationalelf auf Sizilien Schwitzen im Olivenhain 18.05.2010
- WM 2010: Ballack fällt aus Diagnose: Achsenbruch 18.05.2010
- WM 2010: Michael Ballack Foulspieler Boateng findet eine Entschuldigung 18.05.2010
Entspannter Vierbeiner
13 Kommentare stand da gerade...
Das wäre Ballacks Nummer! Das konnte ich so nicht stehen lassen. ;o)
Echt spritziger Bericht.
Herr Kneer hat sein Geschäft gelernt. Man muss aus diesen banalen Dingen erst einmal eine Metastory machen. Respekt. Die Konstruktion ist gelungen...
Ich weißschon, warum ich hier im fernen Düsseldorf den SZ-Sportteil füre den besten inDeutschland halte: wegen Artikel wie diesem, verehrte Herren Kneer und Selldorf.
...ein grosses Lob! Da hier ja auch gerne kritisiert wird, wenn die erwartete Qualität der SZ-Sportredaktion nicht erreicht wird, gebietet es sich in Fällen wie diesem Artikel auch einmal positive Kritik zu üben!
Endlich mal wieder eine Glanzleistung! Vielen Dank!!!
Schließe mich an: köstlich!
Habe mich an einigen Stellen weg geschmissen...
Paging