WM-Qualifikation Die Niederlande erleben eine Nachtmerrie und feuern den Trainer

Arjen Robben nach dem 0:2 in Bulgarien.

(Foto: dpa)
  • Nach dem 0:2 in Bulgarien schwinden die Chancen der Niederlande, sich für die WM in Russland zu qualifizieren.
  • Am Sonntagabend gibt der niederländische Fußball-Bund die Entlassung von Trainer Danny Blind bekannt.
  • In der Fifa-Weltrangliste rutscht die Fußball-Nation hinter Peru, Costa Rica und Ägypten.
Von Ulrich Hartmann

Am Dienstagabend kommt es in der Amsterdam Arena zu einem Klassiker. Die Niederlande empfangen Italien. Das klingt nach großem Fußball, aber für die Niederländer ist es derzeit nur eine Ersatzdroge, ein Freundschaftsspiel. Und es sieht momentan auch nicht so aus, als sollten sie namhaften Fußballnationen wie Italien in absehbarer Zeit wieder bei einem großen Turnier begegnen.

Nachdem die Niederländer im vergangenen Jahr bereits die EM in Frankreich versäumt hatten, drohen sie nun auch die Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu verpassen. So ein doppeltes Malheur ist ihnen zuletzt bei der EM 1984 und der WM 1986 passiert. Die 0:2-Niederlage gegen Bulgarien am Samstagabend in Sofia hat ihre aktuellen WM-Aussichten dramatisch geschmälert, und um nicht auch noch die letzte WM-Chance zu verpassen, hat der Königlich-Niederländische Fußball-Bund KNVB am Sonntagabend reagiert: Cheftrainer Danny Blind wurde entlassen, gegen Italien übernimmt erst mal Assistent Fred Grim.

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70 Prozent Ballbesitz, 10:6 Torschüsse und 633:130 erfolgreiche Pässe haben dem Team gegen Bulgarien nicht geholfen, das Spiel zu gewinnen. Ein Mann namens Spas Delev vom polnischen Erstligisten Pogon Stettin hat die Niederlande quasi alleine gedemütigt und bereits in den ersten 20 Minuten die zwei siegbringenden Tore für Bulgarien erzielt. Für den 33 Jahre alten Arjen Robben sind solche Spiele auf der Zielgeraden seiner Fußballkarriere pures Gift. "Een Nachtmerrie!", stöhnte er in seiner Muttersprache. "Das Spiel war ein Albtraum, die erste Halbzeit erbärmlich."

Es war wohl auch diese schonungslose Analyse, die Blind den Job kostete. Die Geduld mit ihm war im KNVB zu Ende gegangen. Dass er es am Samstag gewagt hatte, mit dem 17 Jahre alten Innenverteidiger Matthijs de Ligt von Ajax Amsterdam den jüngsten Oranje-Debütanten seit 86 Jahren in die Startelf zu berufen, wurde ihm zum Vorwurf gemacht. Blind zeigte sich ja immer wieder mutig, was die Hereinnahme von Talenten angeht, und er wurde für diesen sukzessiven Umbruch hin zur nächsten Generation durchaus auch gelobt - aber dass es in Sofia schon früh 0:2 stand und er den 17-Jährigen zur Pause wieder auswechselte, das waren schwerwiegende und letztlich entscheidende Argumente gegen ihn.

Die Zeitung De Telegraaf hatte die Wut auf Blind offenbar bereits überwunden und zeigte fast schon Mitleid mit ihm: "Es scheint das Schicksal dieses Trainers zu sein, Entscheidungen zu treffen, die immer nach hinten losgehen."

Hinter Peru, Costa Rica und Ägypten

Verbandsdirektor Jean-Paul Decossaux sagte nach der Blamage: "Es ist klar, dass wir miteinander reden müssen." Vielleicht gebe es schnell Klarheit, vielleicht aber auch nicht, sagte Decossaux. Und Danny Blind ertrug harte Kritik und stete Gerüchte um seine Demission wie immer seit seinem Amtsantritt vor fast zwei Jahren stoisch. "Ich trage meine Verantwortung und bin immer noch kampfeslustig", sagte er trotzig, "und wenn der Verband nichts anderes beschließt, dann bin ich auch am Dienstagabend im Spiel gegen Italien noch Bondscoach."

Am Sonntagabend war die Personalie Blind dann aber geklärt. In der europäischen Qualifikation für die WM werden die Niederlande nun mit einem anderen Coach weitermachen. Wer immer es sein wird, er muss ein effektiveres Spiel zustande bringen, mehr als nur statistisch gut klingende Werte. Mit durchschnittlichen 63 Prozent Ballbesitz und insgesamt 89 Torschüssen ist Oranje in beiden Kategorien die fünftbeste aller 54 Mannschaften. Auch mit ihren 88 Prozent angekommenen Pässen nehmen sie einen Spitzenwert unter all jenen 54 Teams ein, die sich um die 13 freien europäischen Startplätze für die WM bewerben. Würden diese 13 Plätze nach solchen Werten ausgesucht, dann hätten die Niederlande eine gute Chance, in Russland dabei zu sein.

Aber weil stattdessen die im Fußball üblichen Kriterien gelten, nach denen zwei Teams gegeneinander spielen und innerhalb einer Gruppe jeder gegen jeden, haben die Niederlande mit ihren sieben Punkten aus fünf Spielen als derzeitiger Gruppenvierter kaum noch Chancen, sich als Erster direkt zu qualifizierten - und allenfalls mittelprächtige Aussichten, als Zweiter eines von vier Playoff-Spielen zu erreichen. Dazu bräuchte die Mannschaft einen inspirierteren Fußball statt einfallsloser Ball-Verwaltung wie unter Blind. In der Weltrangliste stehen die Niederlande bloß noch auf Platz 21 - hinter Peru, Costa Rica und Ägypten.

Sollten sie die Wende in den verbleibenden fünf Spielen der WM-Qualifikation nicht mehr schaffen, dann bliebe das mit 3:0 gewonnene Spiel um Platz drei bei der WM 2014 gegen Gastgeber Brasilien wohl Arjen Robbens letzter Auftritt auf der Weltbühne. Damals war Oranje unter Louis van Gaal ins Halbfinale eingezogen. Das ist noch keine drei Jahre her, den Niederländern kommt es aber schon vor wie eine Anekdote aus uralten Zeiten.

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