Schlagkräftige Seelchen: Beim rassigen 2:1 gegen Russland zeigt die mysteriöse DFB-Elf zwei spiegelverkehrte Halbzeiten.
Am nächsten Morgen stand der Pfosten immer noch da. Niemand hatte ihn über Nacht abmontiert oder wenigstens ein buntes Schleifchen um ihn gebunden. Natürlich könnte man argumentieren, dass dieser Pfosten im nächsten Bundesligaspiel wieder gebraucht werde - aber müssen solche rechtschaffenen Argumente nicht zurückstehen, wenn es um die nationale Sache geht?
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Ein harter Kampf: Michael Ballack kämpfte und traf zum 2:0. (© Foto: AP)
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Der rechte Pfosten des linken Dortmunder Tores ist seit Samstagabend kein Pfosten mehr, sondern ein germanisches Heiligtum. An diesen Pfosten schoss der Russe Alan Dsagojew, es war die 88. Minute des WM-Qualifikationsspiels zwischen Deutschland und Russland.
Noch haben sie beim Deutschen Fußball-Bund nicht entschieden, in welche Stadt sie demnächst ihr DFB-Museum stellen wollen, aber diesen Pfosten sollten sie nicht vergessen. Er würde sich gut machen neben Gerd Müllers Fußballschuhen, Uwe Seelers Hinterkopf und Stefan Effenbergs Stinkefinger. Der Pfosten könnte dort stellvertretend für den Mythos Dortmund stehen, der sich als Ganzes eher schlecht ins Regal stellen lässt. In diesen Pfosten könnte man das Datum eingravieren (11.10.2008), oder gleich: "Südafrika 2010".
In einem Jahr, wenn diese Qualifikationsrunde zu Ende gespielt ist, wird man sich vielleicht noch dankbar an diesen Pfosten erinnern. Vielleicht wird er den Deutschen dann die direkte WM-Qualifikation gerettet haben.
So weit hat man schon mal vorausdenken dürfen nach diesem rassigen 2:1, das eigentlich ein klassisches 2:2-Spiel war. Jede der beiden Mannschaften hatte je eine Halbzeit klar für sich entschieden, und so fand später auch Michael Ballack, "dass wir uns nicht hätten beschweren dürfen, wenn hier noch der Ausgleich fällt". Er glaube nicht, "dass die Russen viele Punkte gegen die anderen Mannschaften lassen werden", sagte Ballack, weshalb ein Punktgewinn die Russen in eine komfortable Ausgangssituation versetzt hätte.
Dank des Südafrika-Pfostens verhält es sich nun genau umgekehrt: "Wer die Punkte so macht wie die Deutschen heute, ist der Favorit in der Gruppe", sagte Russlands Trainer Guus Hiddink, "so können sie es sich leisten, auf die Momente zu warten, in denen sie wieder besser spielen als in der zweiten Hälfte." Sie können, mit anderen Worten, auf jene Momente warten, in denen sie so spielen wie in der ersten Hälfte.
Man darf gespannt sein, wie die Uefa auf dieses spiegelverkehrte Spiel reagiert. Denn dem Reglement dürfte es kaum entsprechen, dass in einem offiziellen Qualifikationsspiel gleich vier Teams antreten: zwei Deutschlands und zwei Russlands. In der ersten Hälfte traf ein wuchtiges, präzises Deutschland auf körperlose, mäßig interessierte Russen; in der zweiten Hälfte lief ein verhuschtes, unpräzises Deutschland auf und staunte nicht schlecht, als ihm ein fintenreiches, druckvolles Russland gegenüberstand.
Wenn sie gerade dabei ist, könnte sich die Uefa vielleicht auch noch mit einem Antrag beschäftigen, den die Deutschen dringend stellen sollten. Der DFB sollte unverzüglich auf eine Regelung drängen, wonach die überlegene Elf das Recht hat, die Halbzeitpause verbieten zu lassen. Bis zur 45. Minute hatten die Deutschen ein Spiel vorgeführt, das es vielleicht nicht gleich ins DFB-Museum schafft, aber in der ewigen Rangliste deutscher Halbzeiten der ersten Hälfte des EM-Viertelfinales vom Juni gegen Portugal (Endstand 3:2) ernsthafte Konkurrenz macht.
"Wir haben flach gespielt, wir haben Doppelpässe gespielt, wir hatten viele Torabschlüsse und wir sind kaum in Konter gelaufen", lobte Bundestrainer Löw. Wer diesen Satz nun in sein Gegenteil übersetzt (nicht flach gespielt, kaum Torabschlüsse gehabt...), der hat eine perfekte Beschreibung der zweiten Hälfte, die nur dann der Nachwelt erhalten bleiben sollte, falls der DFB neben einem Museum zufällig noch die Errichtung einer DFB-Geisterbahn plant.
So kurz nach dem Spiel habe er "auch keine richtige Erklärung für diesen Leistungsabfall", rätselte Löw später. Er weiß inzwischen ja sehr genau, dass er eine mysteriöse Mannschaft trainiert. Gegen Russland verdichtete sich die vergangene EM auf kompakte 90 Minuten: Wie das Turnier, so zeigte auch dieses Spiel, dass sich diese Elf manchmal noch selbst ein Rätsel ist.
Wenn diese Elf sich selbst leiden kann wie in der großartigen ersten Hälfte, dann kann sie über die guten, alten Tugenden - von Hiddink "Schlagkraft" genannt - auf eine völlig neue Spielebene finden. Sie spielt dann One-touch-Fußball und löst enge Situation mit selbstverständlicher Eleganz auf.
Auch schöne Tore kann sie dann, wie jenes von Klose angebahnte 1:0, als Podolski wie ein Handballer am Kreis die russische Deckung durchbrach. Sie kann sogar noch schönere Tore wie jenes auf der munteren linken Seite von Lahm und Trochowski angebahnte 2:0, das Ballack nach Schweinsteigers Hebervorlage per Abstauber ins Ziel brachte.
Aber die Elf hat auch irritierende Gegentore im Repertoire wie jenes 2:1, als Westermanns Querpass so scharf auf Lahm zuzischte, dass der den entscheidenden Ball einbüßte. "Ich will ja, dass kontrolliert von hinten raus gespielt wird", sagte Löw, "aber in der Szene hätten wir müssen den Ball auf die Tribüne schlagen."
Diese immer noch junge Elf sucht weiterhin die richtige Mischung zwischen Theorie und Praxis. Die Spieler haben noch nicht immer das Gespür dafür, wann es besser wäre, das schöne Ideal dem schnöden Pragmatismus zu opfern. Die Qualität dieser Elf ist noch so empfindlich, dass sie keine Halbzeitpause gebrauchen kann, in der die Seelchen ins Grübeln kommen.
Und es macht die Elf auch anfällig, dass viele Spieler weiter ihre eigenen, kleinen Rätsel mit sich herumschleppen. Lukas Podolski bleibt der geheimnisvolle Milieuspieler, der nur Köln und Deutschland kann. Der wankelmütige Miroslav Klose wird nicht einmal von sich selbst begriffen, und ein Spieler wie Michael Ballack will im Spiel noch schnell die jüngere Vergangenheit bewältigen.
Er hat nach seinem Tor den Finger an die Lippen gelegt und damit all jene zum Schweigen verurteilt, die zuletzt an seiner Führungskraft gezweifelt hatten. Eine Geste, die man vielleicht auch abschaffen sollte, gemeinsam mit der Halbzeitpause.
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(SZ vom 13.10.2008)
Ich würde es sehr begrüßen, in der Sueddeutschen die Begriffe "germanisches Heiligtum" und "nationale Sache" nicht mehr lessen zu müssen. Im Zusammenhang mit der deutschen Fußballnationalmannschaft diese Ausdrücke zu verwenden, ist völlig daneben. Bei allem Respekt für diesen Sieg der Mannschaft: Deutschland ist nicht Germanien, auch wenn das Geschichtsverdreher gerne so hätten, und ein sportlicher Wettbewerb kann nie eine "nationale Sache" sein. Ich wünsche mir von Christof Kneer in Zukunft mehr Fingerspitzengefühl und Aufmerksamkeit.
Ich habs gleich gewusst, dass wir gewinnen.