SZ: Sie sind ein WM-Anfänger, aber über Sie wird wenig geredet - das ist wohl ein gutes Zeichen.

Anzeige

Neuer: Bisher sagen mir alle, dass ich das souverän mache und so spiele, als ob ich schon mehrere Weltmeisterschaften hinter mir hätte. Aber das sehe ich auch als meine Aufgabe, das muss ein Torwart einfach zeigen.

SZ: Nach dem 4:1 gegen England haben alle über Lampards nicht gegebenes Tor gesprochen, der Gegentreffer fiel dagegen unter den Tisch. Aber Sie haben sich vermutlich trotzdem Gedanken gemacht.

Neuer: Das Problem war, dass es vorauszusehen war: Es war eine kurze Ecke für die Engländer, dann müssten normalerweise zwei Spieler rausgehen, um die Flanke zu blocken, aber wir haben nur einen dahin gebracht. Dadurch hatte Gerrard Platz, und ich hab aus dem Augenwinkel gesehen, dass zwei Engländer in der Mitte frei standen. Und leider habe ich diesen Helferinstinkt: Ich will was gutmachen für die Kollegen, nachdem es schiefgegangen ist. Also gehe ich auf eigene Faust raus. Aber ich wäre besser auf der Linie geblieben, dann hätte ich bessere Chancen gehabt, den Ball zu halten.

SZ: Sie sagen, Sie wollten Ruhe vermitteln. Woher beziehen Sie Ihre eigene Ruhe? René Adler zum Beispiel hat sein eigenes strenges Programm zum Konzentrationsaufbau, auch Oliver Kahn und Jens Lehmann hatten ihre geistigen Konzepte. Wie ist das mit Ihnen?

Neuer: Man geht immer in sich und konzentriert sich, aber ich mache keine speziellen Übungen oder Mentaltraining. Ich höre auch keine Musik, wenn wir auf dem Weg zum Spiel im Bus sitzen. Ich gehe zum Aufwärmen auf den Platz und versuche, einen guten Ablauf hinzubekommen. Wie im Verein. Natürlich: Das ist eine WM hier, aber die Mannschaft hat es mir leicht gemacht. Ich habe schnell ins Turnier gefunden.

SZ: Sie und Ihr spanischer Kollege Iker Casillas haben im Halbfinale einen gemeinsamen Gegner: Er heißt Jabulani. Wie ist Ihr Verhältnis zum umstrittenen Spielball?

Neuer: Auf den Ball zu schimpfen ist meiner Meinung nach eine billige Ausrede. Ich finde es als Torwart immer wichtig, dass du immer positiv mit den Sachen umgehst - egal ob es der Ball ist, ob es windig ist, ob es Platzregen gibt oder der Boden schlecht ist. Wenn du im Winter auf Schnee spielst und immer denkst: Ich darf nicht wegrutschen, ich darf nicht wegrutschen - dann rutscht du auf jeden Fall weg. Und daher ist es wichtig, dass du immer an dich glaubst und sagst: Egal, wie der Ball fliegt, ich halte ihn. Dann kann nichts schief gehen.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Es trägt auch keiner mehr Schnurrbart"
  2. "Wir harmonieren sehr gut"
  3. Sie lesen jetzt "Ich habe diesen Helferinstinkt"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 06.07.2010/leja)