WM-Kandidatenturnier Schach: Der verflixte 105. Zug

Der Russe Sergey Karjakin (im Bild) trifft in der Schlussrunde auf Fabiano Caruana.

(Foto: dpa)
  • Beim Kandidatenturnier in Moskau spielen acht Großmeister gegeneinander, um sich für ein Spiel um den WM-Titel im Schach zu qualifizieren.
  • Fabiano Caruana lässt gegen den Russen Pjotr Weniaminowitsch Swidler eine große Chance verstreichen.
  • Jetzt steht der Schach-Welt ein ungewöhnlicher Showdown bevor.
Von Johannes Aumüller

Irgendwann ging diese dramatische Partie in die achte Stunde der Partie, der 80. Zug wurde gespielt, der 90., der 100., und dann erlebte Fabiano Caruana einen dieser grausamen Momente, die der Schachsport bereithalten kann.

Einen dieser Momente, in denen ein Amateurspieler, der die Partie zu Hause im Netz mitverfolgt, den richtigen Zug sieht, weil die Computer ihm das rasend schnell vorrechnen und erklären - aber in denen der Weltklasse-Profi, der am Brett sitzt, nicht draufkommt.

Kleine Ungenauigkeit mit Folgen

Seit zwei Wochen misst sich in Moskau ein achtköpfiges Teilnehmerfeld an Schach-Großmeistern, jeder spielt zweimal gegen jeden, der Gewinner darf im November Weltmeister Magnus Carlsen herausfordern. Und in einem Duell am Ostersonntag kam es mal wieder zu einer ganz besonderen Situation: Caruana hatte noch König, Turm und Läufer auf dem Schachbrett, sein russischer Kontrahent Pjotr Weniaminowitsch Swidler nur noch König und Turm.

Es ist sehr schwer, diese Konstellation noch mit einem Sieg zu beenden, zumal gemäß Reglement irgendwann selbst die längsten Schach-Partien enden - spätestens nach dem 120. Zug. Und in diesem fortgeschrittenen Stadium einer Partie können die Spieler auch nicht mehr ewig lang kalkulieren, sondern müssen sie binnen weniger Dutzend Sekunden ziehen.

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Aber Caruana wusste: Wenn er diese Partie gewinnen würde, dann wären seine Aussichten für die Schlussrunde des Kandidatenturniers vorzüglich. Dann würde ihm dort auf jeden Fall ein Unentschieden reichen, um das Achterfeld für sich zu entscheiden.

Und während Caruana trotzig Turm oder Läufer zog, passierte es: Im 102. Zug unterlief Swidler eine kleine Ungenauigkeit - und dann war sie für ein paar Züge da, Caruanas unerwartete Chance auf den Erfolg. Die Computer, diese schrecklichen Biester, rechneten blitzschnell aus, dass es jetzt im 105. Zug nur eines kleines Manövers von Caruana mit dem Turm auf das Feld b2 bedürfe, alternativ auch auf b1 oder b3, um dann fast zehn Züge später den gegnerischen Turm zu erobern und wenig später Swidler mattzusetzen.

Aber Caruana saß da, in der achten Stunde der Partie dieses Turnieres, in der 13. Partie eines überaus anspruchsvollen Kandidatenturnieres - und Caruana sah das Turm-Manöver und die anschließenden Möglichkeiten nicht. Sondern zog den Läufer. Und ein paar Minuten später endete die Partie mit einem Unentschieden.