WM-Kandidatenturnier "Berührt, geführt" gilt auch bei Schach-Großmeistern

Hikaru Nakamura

(Foto: imago/EQ Images)

Aus PR-Sicht wäre Hikaru Nakamura der ideale Gegner für Schach-Weltmeister Magnus Carlsen. Doch der New Yorker leistet sich beim Quali-Turnier ungewöhnliche Fehler.

Von Johannes Aumüller, Moskau/München

Ganz kurz berührte die Hand von Hikaru Nakamura seinen schwarzen König, eine Sekunde, zwei Sekunden, dann ließ er die Figur wieder los und verfiel in eine der Schach-üblichen Grübelposen. Doch da war es schon zu spät. So strategisch komplex dieser Denksport sein mag, so einfach sind bisweilen seine Grundregeln. Und eine davon lautet zusammengefasst so: Berührt, geführt - also musste Nakamura im 74. Zug dieser Partie gegen Lewan Aronjan seinen König ziehen, und dieser Zwang führte ihn geradewegs in eine unausweichliche Niederlage.

Es hat unter den Experten nach der Partie noch einige Debatten gegeben, ob die Stellung des Amerikaners auf lange Sicht nicht ohnehin zu einer Niederlage geführt hätte, aber das dürfte ihn nur wenig getröstet haben. So war nur wenige Minuten nach dem Malheur jedenfalls Schluss - und stand für Nakamura einstweilen die Erkenntnis, dass sich seine großen Hoffnungen auf einen WM-Kampf kaum noch erfüllen können.

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Seit dem vergangenen Wochenende treffen im früheren Zentralen Telegrafenamt in Moskau acht der weltbesten Schachprofis aufeinander. Jeder spielt zweimal gegen jeden, der Turniersieger darf im November gegen den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen antreten. Und wie das oft bei solchen Turnieren ist: Nach sechs Runden eilt noch niemand davon, an der Spitze liegen der Armenier Aronjan und der Russe Sergej Karjakin (jeweils 4 Punkte), dahinter kommt der routinierte Inder Viswanathan Anand (3,5). Aber ein großer Verlierer scheint schon festzustehen, und das ist dieser ungewöhnliche Hikaru Nakamura, 29, gebürtiger Japaner, seit Kindertagen wohnhaft in den USA.

Der WM-Kampf steigt in New York

Dessen Bilanz aus der ersten Woche liest sich arg bescheiden. Gegen Karjakin ließ er sich zu einem riskanten Springeropfer hinreißen, übersah einen starken Turm-Zug des Gegners und verlor; gegen Aronjan passierte ihm das Malheur mit dem König. Und dazu kamen vier Unentschieden, bei denen er nie richtige Siegchancen entwickeln konnte. Macht zusammen nur zwei Punkte, und angesichts seiner Form ist es sehr schwer vorstellbar, dass Nakamura noch einmal oben angreifen kann.

Das ist doch ziemlich überraschend. Ob der Ausgeglichenheit des Feldes hatte vor dem Turnier zwar kaum jemand einen klaren Favoriten gekürt, doch Nakamura hatten diverse Experten auf der Rechnung. Bei den Internet-Buchmachern lag er sogar ganz vorne. In manchem Urteil schwang vielleicht nicht nur die schachfachliche Expertise mit, sondern auch der Wunsch nach einem großen Spektakel für die Schachwelt. Der WM-Kampf steigt in New York, wo Nakamura inzwischen wohnt, das wäre eine besondere Konstellation. Er lässt sich ohnehin ganz gut vermarkten, hat immer einen kessen Spruch drauf und macht seit ein paar Jahren Reklame für die Brause von Red Bull. Da ist er viel näher bei Weltmeister Carlsen als die eher drögen Routiniers wie Anand oder Topalov.

Wilder und ungezügelter als das Gros der Konkurrenz

Zudem kommt Nakamuras Stil bei vielen gut an: Er geht meist kompromisslos auf Angriff, was ihm in jungen Jahren mal den Branchen-Spitznamen "H-Bomb" eingebracht hatte, also Wasserstoffbombe. Inzwischen geht er zwar nicht mehr ganz so wild und ungezügelt zu Werke, aber immer noch wilder und ungezügelter als das Gros der Konkurrenz. Vor allem in den Rapid-Varianten wie Blitz- oder Schnellschach, bei denen die Spieler keine stundenlangen Partien bestreiten, sondern lediglich fünf beziehungsweise 20 Minuten Bedenkzeit haben, ragt er heraus.

Diese Fähigkeiten könnten ihm theoretisch auch in Moskau zupass kommen. Denn sollten am Ende mehrere Spieler punktgleich sein, braucht es eventuell ein paar Schnellschach-Partien, um Carlsens Herausforderer zu bestimmen. Aber derzeit sieht es nicht danach aus, als könne Nakamura diese Phase erreichen. Es sei denn, er packt jetzt noch ein paar ganze wilde Partien aus.

Zwischenstand nach sechs Runden: 1. Lewan Aronjan 4 Punkte, 1. Sergej Karjakin 4, 3. Viswanathan Anand 3,5, 4. Anish Giri 3, 4. Fabiano Caruana 3, 6. Peter Svidler 2,5, 7. Hikaru Nakamura 2, 7. Veselin Topalov 2.

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