WM-Kader des DFB Messi, Ronaldo, Petersen

Souveräner Auftritt: Nils Petersen bei der Pressekonferenz in Eppan.

(Foto: AFP)
  • Die Berufung von Freiburgs Stürmer Nils Petersen in den vorläufigen WM-Kader war die vielleicht größte Überraschung von Bundestrainer Joachim Löw.
  • Das Trainerteam wird aber nicht müde zu betonen, dass die Nominierung nicht nur an Petersens Charakter lag.
  • Vielmehr habe Petersen Qualitäten als Einwechselspieler - die könnten im Laufe einer WM wichtig werden.
Von Christof Kneer, Eppan

Wenn es stimmt, dass vor allem der erste Eindruck zählt, dann hat Nils Petersen nichts zu befürchten. Von rechts kam plötzlich ein Ball auf ihn zugeflogen, Petersen drehte sich kurz und hieb den Ball ohne schuldhaftes Zögern ins Netz.

Solche Bilder mögen Mittelstürmer. Am liebsten wäre ihnen, man würde nur solche Bilder zeigen, Stürmer, Ball, Drehung, Torjubel. In diesem Fall wäre es sicher auch erlaubt, die Szene weiterlaufen zu lassen, man bekäme dann den großen Miroslav Klose zu sehen, der zum Gratulieren durchs Bild läuft. Klose ist inzwischen eine Art Assistenztrainer bei der Nationalmannschaft, er soll den Stürmern geheime Laufwege und von der Menschheit bisher unentdeckte Räume zeigen, und auf Applaus von ihm darf man sich schon was einbilden. "Klose lobt Petersen": So was dürfte man als Zeile unters Bild schreiben. Nicht unters Bild schreiben sollte man drei weitere Fakten über Nils Petersens erstes Trainingstor bei der Nationalmannschaft.

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Erstens: Es war ein Kick auf kleine Tore. Zweitens: Petersen stand einen Meter vom Tor entfernt. Drittens: Das Tor war leer.

Okay, wer es ganz genau nimmt, könnte vielleicht noch einen vierten Punkt anfügen: Ja, Sandro Wagner hätte dieses Tor wahrscheinlich auch gemacht.

Sandro Wagner ist nicht dabei im WM-Trainingslager in Südtirol, was vor allem bei Sandro Wagner auf Unverständnis stößt, der sich, wie er bei jeder passenden Gelegenheit sagt, für den besten deutschen Stürmer hält (passende Gelegenheiten finden sich übrigens immer). Nils Petersen würde so etwas niemals sagen. Das liegt an seinem Naturell, aber gewiss auch daran, dass er beim SC Freiburg spielt, jenem Verein, dessen köstlicher Trainer selbst dann tadellos unglücklich sein kann, wenn er eigentlich glücklich ist. Christian Streich hat sich ernsthaft gefreut, dass sein Stürmer in den vorläufigen WM-Kader berufen wurde, und er würde sich auch ernsthaft freuen, wenn sein Stürmer es ins endgültige Aufgebot schaffen würde. Aber so ein kleines bisschen bekümmert wäre Streich schon auch, weil Petersen dann beim Freiburger Trainingsauftakt fehlen würde, und weil das bestimmt mindestens den Abstieg bedeuten würde.

Tatsächlich ist Petersen das überraschendste Mitglied in Löws Reisegruppe. Er ist schon 29 Jahre alt, er hat erst null Länderspiele. Und zu Beginn der vorigen Saison war er der Ersatzmittelstürmer beim Abstiegskandidaten SC Freiburg.

Das ist die Geschichte: Joachim Löw nimmt vielleicht einen Stürmer mit zu einem Messi-Ronaldo-und-Griezmann-Turnier, der zu Beginn der vorigen Saison nicht mal an einem Stürmer namens Florian Niederlechner vorbeikam. Petersen wurde in Freiburg immer nur eingewechselt; erst als dieser Niederlechner sich schwer am Knie verletzte, wurde Petersen zum Stammstürmer beim SC Freiburg. Und schoss dann trocken 15 Saisontore - bei einer Mannschaft, die, selbstverständlich zum großen Kummer ihres Trainers, nur wenige Torchancen herausspielt.