Paraguays Stürmer Salvador Cabañas wurde vor zehn Tagen bei einem Kopfschuss schwer verletzt. Er will dennoch bei der WM in Südafrika spielen.
Am Sonntag wandte sich der berühmteste Patient des Hospitals Ángeles del Pedregal in Mexiko-Stadt auf der Intensivstation an seinen Vater und sagte diesen Satz: "Papa, ahugata la Mundial." Das ist Guaraní, eine der beiden Sprachen Paraguays, und bedeutet zu Deutsch: "Papa, ich werde bei der Weltmeisterschaft mitspielen." Die Fußball-WM beginnt in 125 Tagen in Südafrika, Salvador Cabañas will dort neben dem Dortmunder Nelson Valdéz für Paraguay stürmen.
Salvador Cabañas: Die Fans beten für ihn, halten Plakate hoch - und unterschreiben auf Wänden mit seinem Portrait. (© Foto: Reuters)
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Bis vor kurzem war das ausgemacht, doch seit zehn Tagen steckt diesem 29 Jahre alten Profi eine Kugel im Hinterkopf. Unterstützung bekam der Angreifer des Klubs América von einem Argentinier, dem es einige Tausend Kilometer südlich genauso geht. "Kämpfe mit all deinen Kräften", ließ Fernando Cáceres aus Buenos Aires dem Kollegen Cabañas übermitteln. "Du kannst es schaffen, es gibt Wunder."
Sieht so aus. Beide Männer erzählen im schießwütigen Lateinamerika gerade die Geschichte von Gewalt und Genesung. Der frühere argentinische Nationalverteidiger Cáceres, fast 41, hatte als Wanderarbeiter bei Argentinos Juniors, River Plate, Saragossa, Boca Juniors, FC Valencia, Celta de Vigo, Córdoba und Independiente kaum ernsthafte Blessuren.
Bis im Morgengrauen des 1. November 2009 in einer ungemütlichen Gegend am Rio de la Plata drei bewaffnete Minderjährige seinen BMW stoppten. Als Cáceres Gas geben wollte, schoss ihm einer der Delinquenten ins Gesicht. Ein Projektil durchbohrte das rechte Auge, der Schwerverletzte lag acht Wochen im Koma. Drei Monate später spricht er wieder, kann mit Hilfe laufen und will seinen Trainerschein machen. Cáceres wartet in einer Klinik auf ein Glasauge und sagt: "Ich verstehe nicht, wie ich da rausgekommen bin." Bei Salvador Cabañas könnte es sogar noch schneller gehen.
Der Paraguayer stritt sich im 25. Januar in einer Bar im Süden der mexikanischen Metropole mit einem Kriminellen aus der Halbwelt. Die genauen Umstände sind unklar, es ging offenbar um Frauen. Jedenfalls hielt ihm der Typ mit dem Kürzel J.J. und, wie die Justiz recherchierte, sieben verschiedenen Identitäten gegen fünf Uhr morgens an der Toilette eine Pistole an den Schädel und drückte ab. Das Bild des blutüberströmten Opfers ist auf Twitter zu besichtigen. In 80 Prozent der Fälle sind Kopfschüsse wie bei Cáceres und Cabañas tödlich, aber auch das Idol des Vereins América lebt, isst seit wenigen Tagen wieder, unterhält sich schon in einfachen Sätzen. Cabañas weiß, wer er ist, wo er ist. Und was er will: zur WM, zu der er Paraguay mit sechs Toren in 15 Qualifikationsspielen maßgeblich befördert hat.
Bei Salvador Cabañas und Fernando Cáceres wurde notoperiert, es wurden Schläuche gelegt und Drainagen, Maschinen angeschlossen, Bulletins verlesen. Fans, ehemalige und aktuelle Mitspieler schickten Tausende Botschaften, weinten, sangen, beteten. "Chava, ich habe Gott um dich gebeten, wir lieben dich", schrieb ein Anhänger. Chava ist einer der Spitznamen von Cabañas, ein anderer lautet Mariscal, Marschall. "Fuerza, Negro", stand auf einem Transparent von Argentiniens Elf beim letzten Freundschaftsspiel gegen Costa Rica. Negro, Schwarzer, wird Cáceres genannt.
Die Ärzte machten erstens einen ausgezeichneten Job. Zweitens sind alle verblüfft von der Widerstandskraft der Verwundeten. "Seine Lebenslust war stärker als alles, was passiert ist", staunt einer der Ärzte von Cáceres, der auch eine schwere Entzündung überstand. "Er gibt uns eine Lektion an Leben", schwärmt Cabañas' Manager. Trotzdem wissen die Ärzte, dass der weitere Ausgang dieser Partie so ungewiss ist wie der eines Endspiels auf nassem Rasen.
Sogar wieder Kopfbälle
Noch läuft Blut ab und drückt aufs Gehirn. Noch ist Cabañas nicht außer Gefahr. Auch eine Aussage vor Mexikos Staatsanwaltschaft ergab bisher keinen Sinn. Er kennt weder das Datum, noch weiß er, was ihm passiert ist. Aber er saß inzwischen schon einmal in einem Sessel und sah sich einen 1:0-Sieg seiner Mannschaft América mit den Kundgebungen für ihn im Fernsehen an.
"Ich hoffe, er kann wieder spielen", sagt Paraguays Teamarzt Aldo Martínez. "Die Medizin hat ihre Grenzen, aber es gibt ein höheres Wesen, es gibt Wunder." Man müsse Cabañas für alle Fälle ins WM-Aufgebot berufen, findet ein Neurochirurg. Ein anderer erläutert, die Motorik sei intakt, er bewege den Fuß. "Welche Kraft er hat und welche Folgen bleiben, muss man sehen." Wird Cabañas wieder Kopfbälle machen können, wurde einer der Doktoren gefragt. "Klar, weil der Kopf sehr resistent ist", antwortete er, aber das sei dann doch eine andere Etappe.
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(SZ vom 05.02.2010/jüsc)
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Mehreres macht mir Sorgen.
Hoffentlich kommt später keine gegnerische Mannschaft auf die Idee, ihre Niederlage gegen Paraguay mit der durch den Druck der Kugel auf das Gehirn (und von da aus auf den Körper) provozierten Leistungsexplosion des Spielers Cabanas zu erklären und die Disqualifikation der Mannschaft zu forden, denn wenn man schon eine kubanische Läuferin sperre, weil hier die Natur selbst (nämlich die un-normalerweise vorhandenen männlichen biologischen Anlagen) die Chancengleichheit verhindere, dann müsse man doch in diesem Fall, in dem eine noch un-natürlichere Quelle, nämlich eine Revolver-Kugel, quasi zum Mittel einer Leistungssteigerung geworden sei, unbedingt dafür sorgen, dass solche Menschen und solche Staaten, auch wenn ihnen das tiefste Mitgefühl gilt,
nicht mehr mitspielen dürfen.
Denn wenn man in der immer komplexer und undurchsichtiger werdenden Welt solche Abweichungen, ob nun auf natürliche oder gesellschaftliche Weise un-natürlich entstanden, im Weltsport Nr. 1 zulasse, und damit z.B. riskiere, dass irgendwann indische Fußballspieler, die, weil sie wie ihre Großeltern und Eltern neben einer Chemiefabrik aufgewachsen und nur noch 1,45 m groß sind (was ihren Körperschwerpunkt, für den Fußball ideal, nach unter verlagere) und den europäischen Verteidigern kaum eine Chance geben, im Endspiel stehen,
das WM-Endspiel also Indien-Paraguay laute, dann ....
Oh je, das ist es eben, was mir Sorge bereitet:
Die Frage, ob diese grauenerregenden Visionen mit mir zu tun haben und ich mich der entsprechenden Verantwortung zu stellen habe, oder ob ich im Laufe der Jahre einfach nur "Opfer der Medien" geworden bin. Weil ich beim Lesen heute das denke, was erst morgen in der Zeitung steht.
Ist das Jahrhundert vorbei, von dem 1882 Nietzsche sprach:
"Noch ein Jahrhundert Zeitungen - und alle Worte stinken." ?
Das Einzige, was feststeht und mit Moral und Schuld nichts zu tun hat, das ist der Streit zwischen mir und dem Wurm in meinem Gehirn. Wechselseitig werfen wir uns fehlende Logik vor.
(( Ich schreib zum ersten Mal in meinem Leben so'n Kommentar.
Hat man da so eine Art journalistisches Copyright? Ich hätte es gern. Aber die SZ darf mit meinem Text machen, was sie will. ))