Mexiko, Uruguay, Frankreich - WM-Gastgeber Südafrika ist geschockt über das teuflisch schwere Los für die Vorrunde. Die Fans sehen sich bereits nach Alternativen um.
Bis tief in die warme Nacht hinein hat sich das Publikum auf den bestens bewachten Straßen von Kapstadt amüsiert, aber es waren nicht unbedingt die Fans von Südafrikas Nationalteam, die nach der WM-Auslosung gefeiert haben. Es ist ja nicht schwierig, in Kapstadt Einheimische zu treffen, die einem lebhaft versichern, dass sie Fußballfans sind - und die dann ziemlich beleidigt sind, wenn man sie nach der Meinung zu Südafrikas WM-Vorrundengruppe befragt:
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Das Ziel der Träume: In Soccer City, dem Stadion im Johannesburger Stadtviertel Soweto, finden das WM-Eröffnungsspiel und das Finale statt. (© Foto: AFP)
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"Sie glauben doch wohl nicht, dass mich das interessiert", erwidert derselbe junge Mann, der sich eben noch als großer Fußballfreund ausgegeben hat, und es stellt sich heraus, dass er während des Turniers Portugal unterstützen wird. Von dort stammt nämlich seine Großmutter. Zuerst ist er für Portugal, dann für England. Und Südafrikas Team? "Ist das Team der Afrikaner", sagt er.
Gegen 90.000 Vuvuzelas
Für die Anhänger der Gastgebermannschaft, also vor allem für die farbige Bevölkerung, gab es am Freitagabend keinen Grund zu feiern. Die Zuteilung der Gegner hat alle Fans, die ein bisschen Sachverstand besitzen, schockiert. Die Lose mit Mexiko und Uruguay riefen bereits keine Freude hervor, aber als der Zettel mit der Aufschrift "Frankreich" zum Vorschein kam, brach kollektives Erschrecken aus unter den Ehrengästen im großen Saal, wo die Lostrommeln standen.
Vor den Videowänden im geschmückten Stadtzentrum, wo die Polizei das Dreifache des kalkulierten Publikumsandrangs regulieren musste, gab es einen ähnlichen Seufzer der Enttäuschung. Die Kommentare im Fernsehen und in der Presse klangen entsprechend aufgebracht: "Bafana" - so lautet der Spitzname des Teams - sei eine "Ziehung aus der Hölle" widerfahren, meinte der Weekend Argus. Der Weg in die zweite Runde werde "teuflisch" schwer, nur das Rugbyidol John Smit wagte einen ermutigenden Scherz. "Ich bin ziemlich froh darüber, dass wir gut in Übung bleiben, bevor wir die Halbfinals und das Finale erreichen", sagte er.
Auch der Alt-Nationalspieler Matthew Booth spendete Hoffnung fürs Eröffnungsspiel im gigantisch großen Soccer-City-Stadion in Johannesburg: "Ich beneide die Mexikaner nicht, dass sie 90.000 Vuvuzelas ausgesetzt sein werden." Wahrscheinlich hatten die beiden Männer aber bloß ein schlechtes Gewissen - sie gehörten zu den von der Fifa berufenen südafrikanischen Nationalhelden, welche die Auslosung für ihr Heimatland verbockt haben.
Südafrikas brasilianischer Trainer Carlos Parreira geht in sieben Monaten in sein sechstes WM-Turnier als Trainer, bis dahin hofft er das verzagte, erfolgsentwöhnte Nationalteam in Schwung gebracht zu haben. Die jüngsten Testspiele gegen Jamaika und Japan endeten jeweils 0:0, und ein deutscher Augenzeuge berichtet, dass im Vergleich zur südafrikanischen Taktik des ständigen Rückzugs der Kontrollfußball des Bayern-Trainers van Gaal ein wahres Offensivgewitter sei.
Um die akute Torschusskrankheit seines Teams zu kurieren, hat Parreira den 31-jährigen Angreifer Benni McCarthy wieder einberufen, der jedoch noch weit davon entfernt ist, seinem Ruf als potentiell bester Spieler des Landes gerecht zu werden. Die Folgen von acht Monaten ohne Einsatz bei seinem Arbeitgeber Blackburn Rovers lassen die Südafrikaner derzeit nur über eines rätseln: Hat McCarthy fünf oder zehn Kilo zuviel auf den Rippen? Parreira hat ihm einen Vereinswechsel nahegelegt, um wieder in Form zu kommen.
Mandelas Grußbotschaft
Darüber hinaus hat der Trainer Handlungsfreiheiten erhalten, um die ihn zum Beispiel sein deutscher Kollege beneiden wird: Um Zeit für die Vorbereitung zu gewinnen, trägt Südafrikas Profifußball-Liga den Titelkampf derzeit im Schnellverfahren aus. Schon Ende Januar darf Parreira mit seinem Team zu einem vierwöchigen Trainingslager nach Brasilien aufbrechen. Ein ähnlich langer Aufenthalt in Deutschland soll später folgen. Der Trainer will sich auch um die Teilnahme in Europa spielender Profis wie Steven Pienaar (FC Everton) bemühen.
Sollte das Turnier schon nach der Vorrunde auf die Teilnahme des Gastgebers verzichten müssen, bedeutet das nicht unbedingt, dass die Ausländer bei den weiteren Spielen unter sich bleiben werden. Viele Beobachter sind überzeugt, dass Südafrikas Fußballfans - zumindest die Farbigen - dann ein anderes afrikanisches Team unterstützen würden (mit Ausnahme Algeriens). "Fußball steckt tief in den Herzen der afrikanischen Menschen", hatte Nelson Mandela am Freitag in seiner Grußbotschaft zum WM-Fest verkündet.
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(SZ vom 07.12.2009)
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