Von Arne Perras

Ganz Afrika setzt seine Hoffnungen auf Ghanas Mannschaft. Das eigene Land hofft, dass hinter der Aufbruchsstimmung der WM mehr steckt als nur ein flüchtiges Feuerwerk.

Afrikas Party geht weiter, nicht in Johannesburg, sondern in Accra. Hier gibt es kein Frieren, man schwitzt, Tag und Nacht. Es ist feucht, die Moskitos schwirren, und manchmal ist es so heiß, dass man sich schon an einen eisigen Fanpark in Südafrika zurücksehnt. Auch die emotionale Fieberkurve des westafrikanischen Landes ist in die Höhe geschnellt. Ghana muss Uruguay bezwingen, um ins Halbfinale der WM einzuziehen. "Die Südamerikaner werden weinen", ruft einer der Händler in der Oxford Street - an Selbstbewusstsein hat es den Ghanaern selten gemangelt.

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Sollte Ghanas Nationalmannschaft das Viertelfinale gegen Urugay gewinnen, wäre sie die erste afrikanische Mannschaft, die je im Halbfinale einer WM stand. Durch die Straßen der Hauptstadt weht schon jetzt der Traum vom Finale. (© afp)

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Sollten sie dieses Spiel tatsächlich gewinnen, dann sind sie das erste afrikanische Team in der WM-Geschichte, das in die Runde der letzten Vier vorstößt. Echte afrikanische Pionierarbeit wäre das. Und so schön ist dieser Traum vom Halbfinale, dass er jetzt durch alle Straßen von Accra weht, durch die Garküchen, wo Frauen ihren Fisch brutzeln, durch die klimatisierten Hallen der Banken, durch Klassenzimmer, Büros, bis in die Gemächer von Osu Castle, dem Sitz des Präsidenten.

Staatschef John Atta Mills war jetzt schon zwei Mal in Südafrika, um den Black Stars gut zuzureden und sie des Rückhalts der ganzen Nation zu versichern. Vermutlich sind dies nun die wichtigsten 90 Minuten, seitdem die frühere britische Kolonie Goldküste ihre Unabhängigkeit erlangte. Das Gefühl, einen ganzen Kontinent anzuführen, ist den Ghanaern nicht fremd. Das hat mit der Geschichte des Landes zu tun, denn unter den Afrikanern waren sie die ersten, die das koloniale Joch abstreiften. Das war im Jahr 1957, und bis heute hat dieser Schritt in die Freiheit das Selbstverständnis der Ghanaer geprägt. "Dieses Land fühlt sich als Schrittmacher des Kontinents", sagt Ato Kwamena Dadzie, Blogger und Nachrichtenchef von Radio Joy FM. Jetzt, da Ghana für den ganzen afrikanischen Kontinent die Flagge bei der WM hochhält, bekommt dieses Gefühl neue Nahrung. Die Ghanaer tragen die Rolle gerne, aber sie spielen sich auch nicht auf. Die Stimmung ist locker in Accra, aber nicht arrogant.

Panafrikanische Vision

Südafrikas früherer Präsident Thabo Mbeki hat nun alle auf dem Kontinent und in der Diaspora aufgerufen, sich hinter den Black Stars zu scharen, damit die Mannschaft erstmals den WM-Pokal sichert. Mbeki beschwor die Einheit Afrikas, das macht er gerne, aber diese Vision ist natürlich nicht neu, schon gar nicht in Ghana. Denn dies ist das Land von Kwame Nkrumah, einem der Väter des panafrikanischen Gedankens. Nkrumah war ein charismatischer Mann und zeichnete das künftige Afrika als neuen geschlossenen Block, der den alten Kolonialmächten die Stirn bieten müsse. Nkrumahs Ideen waren damals für viele Inspiration, allerdings entwickelte der ghanaische Staatschef bald diktatorische Züge und beförderte einen Personenkult um sich selbst, der ihn diskreditierte. Ein Putsch 1966 beendete seine Herrschaft.

Von der Vision des Kwame Nkrumah ist nicht allzu viel geblieben. Panafrikanische Ideen sind nicht mehr besonders mächtig. Sie flammen nur hin und wieder auf - oder sie werden von Libyens Herrscher Muammar al-Gaddafi gekapert. Gaddafi versucht sich bei AU-Gipfeln regelmäßig zum König aller afrikanischen Könige aufzuschwingen - bis er sich beleidigt zurückzieht, weil ihm die anderen nicht folgen.

Auch im Sport flackert jetzt also die Idee der afrikanischen Einheit auf. Alle scharen sich um die Flagge Ghanas, das überwindet Grenzen, von denen Afrika so viele hat. Und noch etwas kommt hinzu: Es ist das Gefühl, dass sich die Afrikaner im Wettbewerb mit der Welt tatsächlich behaupten können. Ghana hat die Supermacht USA auf dem Rasen bezwungen, das gilt nicht als Kleinigkeit. Das Gefühl, dass Afrika auch gewinnen kann, ist Balsam auf eine Seele, die viele historische Demütigungen erlitten hat: Sklaverei, Kolonialismus, Ausbeutung.

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