Von Thomas Hummel, Johannesburg

Stolz, Euphorie, ein Triumphzug vor dem ersten Spiel: Noch nie hat sich ein Land so darauf gefreut, eine Fußball-WM auszutragen wie Südafrika. Auch wenn ein bisschen Angst dabei ist.

Am Mittwoch um 12 Uhr mittags kam zum Vorschein, wie viele Menschen in diesem Woolworth arbeiten. In einem schmucklosen Einkaufszentrum im Johannesburger Stadtteil Melville versammelten sich die Angestellten des Supermarkts zu einem wippenden, tanzenden Haufen, der immer größer wurde und schließlich angereichert mit Kunden den ganzen Eingangsbereich einnahm. Die meisten tröteten mit dem Lärminstrument Vuvuzela was die Lunge hergab. Vor den Nachbarläden bildeten sich die gleichen wippenden, tanzenden, auf jeden Fall trötenden Haufen und weil das Einkaufszentrum ein geschlossenes Dach besitzt, rauschte durch das Gebäude ein Trommelfell-zerreißendes Infernal.

Anzeige

Ganz Südafrika schien in diesem Moment die Vuvuzela zu blasen. Radio- und TV-Stationen hatten die Menschen aufgefordert, aus vollster Lunge die 19. Fußball-Weltmeisterschaft einzutröten. Und damit auch ihre Solidarität mit dem eigenen Team, der Bafana Bafana, den Jungs, zu demonstrieren. Die Menschen taten, wie ihnen aufgetragen: Sie verließen ihren Arbeitsplatz, versammelten sich auf den Straßen von Johannesburg und tröteten die WM ein, die schon jetzt, einen Tag vor dem Eröffnungsspiel, eine ganz besondere ist.

Triumphfahrt im offenen Doppeldeckerbus

Vielleicht noch nie in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften hat sich eine Bevölkerung derart darauf gefreut, Gastgeber sein zu dürfen. Wer das in Zweifel zieht, der hat den Triumphzug im Stadtteil Sandton nicht gesehen. Dort versammelten sich am Mittwoch mehrere zehntausend Menschen und huldigten ihren Helden. Einige Spieler der Mannschaft, die am Freitag ihr Auftaktspiel gegen Mexiko bestreitet, fuhren im offenen Doppeldeckerbus durch die Menge und winkten hinunter in die euphorische Menge. Solche Auftritte wurden eigentlich für Teams erfunden, die nach dem Turnier ihrem Volk den Weltpokal mitbringen. Doch die Südafrikaner brauchen den Pokal nicht, um sich schon jetzt wie die Weltmeister zu fühlen.

Trainer Carlos Alberto Parreira stand auch da oben in dem Doppeldeckerbus. Der Brasilianer hat einen guten Anteil daran, dass die Menschen nun auch einen Erfolg ihres Teams zumindest erhoffen dürfen, nachdem die südafrikanischen Fußballer jahrelang nur Niederlagen eingesteckt hatten. Seit der nüchterne, etwas mürrische Parreira, 67, wieder die Leitung übernommen hat, spielen Bafana Bafana plötzlich respektablen Fußball. Doch gerade weil Parreira so nüchtern, bisweilen auch mürrisch ist, und nichts mehr verabscheut als eine unprofessionelle Vorbereitung, fand er die Jubelarie nicht ganz so toll: "Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wir brauchen das nicht, zwei Tage vor einem großen Spiel." Wie sollen sich seine Spieler jetzt noch konzentrieren?

Fast koloniale Vorurteile

Die Südafrikaner spüren: Endlich geht es los. Und das hat ihnen ja lange keiner zugetraut. Das Ausland rumorte unentwegt, die Afrikaner kriegten das ja doch nicht hin, eine solch immense Veranstaltung zu organisieren: Das können die halt nicht mit ihrer Korruption, ihrer Kriminalität, und überhaupt die Afrikaner, na ja.

Fast koloniale Vorurteile wurden ausgetauscht - das hat den Südafrikanern, allen Afrikanern, weh getan. Umso größer ist nun der Stolz, da die WM nun wirklich beginnt. Nach allem, was man hört, sogar pünktlich: Johannesburg, Soccer City, Freitag, 16 Uhr. "Diese WM ist eine große Möglichkeit, den Afro-Pessimismus zu zerstören, den Glauben im Ausland und sogar in Afrika selbst, dass wir es nicht schaffen", schreibt Kirsten Nematadandi, Chef des südafrikanischen Organisationskomitees Safa.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Afrika atemlos: Es geht wirklich los!
  2. Totale Anspannung
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...