WM-Finale Schweinsteiger verewigt sich als Ironman

Endlich am Ziel angekommen: Bastian Schweinsteiger

(Foto: Getty Images)

Er steht immer wieder auf. Mit Blut im Gesicht, mit Krämpfen in den Beinen. Bastian Schweinsteiger übernimmt nach dem plötzlichen Ausfall von Khedira im WM-Finale allein die Verantwortung. Nach dem Schlusspfiff packen ihn die Gefühle.

Von Thomas Hummel, Rio de Janeiro

Von der Tribüne aus sah es fürchterlich aus. Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und ein Kollege beugten sich über den auf dem Rücken liegenden Bastian Schweinsteiger. Er hatte gerade von Sergio Agüero einen Schlag erhalten. Aus einer Wunde unter dem rechten Auge rann Blut über das Gesicht. Es war nicht zu sehen, was da vor sich ging. Doch Schweinsteigers Beine zuckten.

Es lief die 108. Minute und auch wenn Theaterfreunde das nicht gerne haben: Dieses Fußballspiel musste längst episch genannt werden. Zu viele Geschichten spielten sich auf dem Rasen ab, den beide Mannschaft dazu nutzten, sich gegenseitig alle Kräfte abzuverlangen. Die Geschichte von Bastian Schweinsteiger schien jetzt kein gutes Ende zu nehmen.

Glücksgefühl für die Ewigkeit

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Viel später, als der Weltenlauf längst eine schöne Wendung für die Deutschen genommen hatte, stand Schweinsteiger im Bauch des Estádio do Maracanã und gab Interviews. Das kommt selten vor, weshalb er sich ein besonderes Gewand ausgesucht hatte. Er trug als Rock ein deutsches Trikot, das von früheren Weltmeistern signiert worden war und seit Beginn des Turniers als eine Art Glücksbringer in der Kabine hing. Er sagte: "Wir haben nicht demokratisch abgestimmt, wer es bekommt. Ich fand es cool."

Schweinsteiger gab sogar den internationalen Medien Auskünfte auf Englisch, er sprach im Fernsehen. Er wirkte wie einer, der am Ziel angekommen ist. 1:0 in der Verlängerung gegen Argentinien. Weltmeister. In Brasilien. Mit einer phänomenalen Leistung, die ihm noch vor drei Wochen niemand zugetraut hätte. Vielleicht nicht einmal er selbst.

Khedira und Kramer verloren

Der Mann aus Oberaudorf in Oberbayern hat sich verewigt in diesem WM-Finale. Es lief wahrlich nicht ideal für das deutsche Team. Es brauchte einen, der Verantwortung übernahm. Es brauchte einen Bastian Schweinsteiger in Topform. Es bekam mehr.

Der 29-Jährige hatte zu Beginn seinen Mitstreiter Sami Khedira wegen einer Wadenverletzung verloren. Dann verlor er dessen Ersatzmann Christoph Kramer wegen einer Gehirnerschütterung. Dabei sollte Schweinsteiger zusammen mit ihnen den zauberhaften Lionel Messi stoppen. Zudem das eigene Spiel aus dem Zentrum heraus anleiten. In seiner Not beschloss Schweinsteiger, dann eben alles alleine zu erledigen.

Jérôme, der Retter

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Wenigstens war Toni Kroos noch da, doch der Toni Kroos in Rio hatte recht wenig zu tun mit dem aus dem Halbfinale in Belo Horizonte. Schweinsteiger hingegen wühlte sich immer tiefer in die Partie, je länger sie dauerte. Dabei war sein Körper dafür gar nicht vorgesehen.

Zweimal ist er in der vergangenen Saison am Sprunggelenk operiert worden, zuletzt reizte die Patellasehne. Zu Beginn des Turniers kam der Verdacht auf, er wäre nur als prominentes Maskottchen dabei. Jetzt sagte er: "Ich wollte hier mit aller Gewalt weit kommen. Es war ganz wichtig, dass ich meine Gesundheit zunächst etwas schonen und fit werden konnte." Löw ließ ihn draußen, doch weil Khedira ebenfalls nur mit halber Kraft angereist war, kam Schweinsteiger bald zum Einsatz.

Im zweiten Spiel drehte er zusammen mit Miroslav Klose als Einwechselspieler das Schicksal gegen Ghana. Im dritten dominierte er die Partie gegen die USA, um im Achtelfinale gegen Algerien seinen Tiefpunkt zu erleben. "Da war ich platt", sagte er, für das Viertelfinale gegen Frankreich habe es "gerade so" gereicht. Im früh entschiedenen Halbfinale gegen Brasilien konnte er sich ein bisschen schonen. Um Kräfte zu sammeln für das Finale. Er sollte sie brauchen.

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