WM-Finale: Japan besiegt USA Wie ein Sushi-Meister mit seinem Messer

Ein dramatisches Finale: Im Elfmeterschießen siegt Japan gegen die USA und ist erstmals Weltmeister - obwohl die Mannschaft 120 Minuten lang deutlich unterlegen ist. Doch kurz vor Ende der regulären Spielzeit holen die Asiatinnen einen Rückstand auf, kurz vor Ende der Verlängerung noch einmal. Torhüterin Ayumi Kaihori ragt dabei heraus.

Von Claudio Catuogno

Abby Wambach hat viel über ihr Herz gesprochen in den vergangenen Tagen, sie wirkte ziemlich lebendig in diesen Gesprächen, aber das mag eine Täuschung gewesen sein. Denn bereits im Sommer 2003 sei ihr Herz "zerbrochen", hatte die bekannteste Fußballerin Amerikas berichtet, in jenem Jahr, als Deutschland in den USA Weltmeister wurde, und es werde nicht eher heilen, "bevor wir uns diesen Titel nicht zurückgeholt haben", in Deutschland.

So gesehen gab es am Sonntagabend schlechte Nachrichten nicht nur für Freunde der pathetischen Wortwahl, sondern auch für die Zunft der Herzchirurgen. Abby Wambachs Herz ist nicht wieder heil geworden. Die Amerikanerinnen haben das Finale der Frauenfußball-WM in Frankfurt im Elfmeterschießen 1:3 (0:0, 1:1, 2:2) gegen Japan verloren. Und Japan hat zum ersten Mal den WM-Titel im Frauenfußball gewonnen. In einem zunächst packenden, am Ende atemberaubenden Finale, in dem lange nichts darauf hindeutete, dass der Außenseite hier triumphieren würde.

Erst nach und nach hatte sich erschlossen, was Japan sich vorgenommen hatte für dieses Endspiel: Aggressive Ballgewinne, um dann allerdings nicht beharrlich nach vorne zu kreiseln, wie in den vergangenen Spielen, sondern das Spielfeld in so abenteuerlichem Tempo zu durchschneiden, wie ein Sushi-Meister mit seinem Messer hantiert.

Das hatte bisweilen eine Harakiri-Note. Anfangs versuchten sie ihr Glück sogar mit Flanken aus dem Halbfeld, aber auch das wirkte gegen die großen Amerikanerinnen, als plane man, mit einer Sprossenleiter den Fuji zu besteigen. Aber es war ja auch eine wahrlich große Aufgabe gewesen: 25 Mal haben Fußballerinnen aus den USA und Japan seit 1986 bislang gegeneinander gespielt, 22 Partien gewannen die USA, drei endeten remis, und man muss kein Mathematiker sein, um auszurechnen, wie oft Japan gewann. Nie.

Die Weltmacht USA hatte es also mit einem aufstrebenden Schwellenland zu tun. Diese Herausforderung hatten die Japanerinnen allerdings lustvoll angenommen. Und am Ende gestalteten sie dieses Finale so offen, dass alleine das schon die Sensation war. Ehe die tatsächliche Sensation Wirklichkeit wurde.

Chance um Chance um Chance

Im Team USA hatte die schwedische Trainerin Pia Sundhage die wasserstoffblonde Megan Rapinoe das erste Mal von Anfang an aufgeboten, eine Maßnahme, die ihre furchterregende Wirkung nicht verfehlte. Von der ersten Sekunde an machten die Amerikanerinnen dieses Endspiel zur nationalen Angelegenheit, Zweifel verboten - dieses Credo verkörperte kein anderes Team auf eine ähnlich spirituelle Weise wie die USA bei der WM.

Übertragen ins Chancen-Stenogramm drückte sich diese Selbstsicherheit zunächst so aus: 8. Minute: Rapinoe flankt von links, Lauren Cheney spitzelt den Ball vorbei. 9. Minute: Wambach jagt den Ball über die Latte. 11. Minute: Carli Lloyd kommt sehr freistehend an den Ball, ihr Schuss streift ebenfalls über die Latte. 28. Minute: Wambach drischt die Kugel an die Unterkante der Latte. Und so weiter.

Andererseits: Je unverdienter eine Überraschung der Japanerinnen erschien, desto mehr geriet sie doch wieder in den Bereich des Möglichen. Die 61. Minute, einer der immer präziser werdenden Pässe aus der japanischen Zentrale geriet zu Yukari Kinga, und hätte die im Strafraum nicht allzu überhastet abgeschlossen - wer weiß? Es war nun ein Finale, wie man sie schon hundertmal gesehen hat: Wer zuerst zuckt, verliert.

Japans unbedingter Wille

Dann die 69. Minute. Japan hatte sich festgelaufen, Rapinoe schlug den Ball nach vorne, die eingewechselte Alex Morgan schüttelte in einem Laufduell Saki Kumagai ab. Ein platzierter Schuss,1:0. Es schien ein guter Abend zu werden für Abby Wambach. Bis Aya Miyama ein Gewühl im US-Gefahrenbereich ausnutzte und zum Ausgleich traf (81.). Also: Verlängerung.

Und nun sah es sogar kurz so aus, als sollte Abby Wambach zur Heldin des Abends werden: Eine Flanke von Morgan, ein Kopfball wie ein Geschoss, 2:1. Aber wenn etwas die Japanerinnen auszeichnete an diesem Abend, dann die Fähigkeit, ihren unbedingten Willen tatsächlich in Last-Minute-Tore zu verwandeln. Ecke durch Miyama, Homare Sawa verlängert den Ball ins Netz. Ausgleich. In der 119. Minute. Sollte Japan die USA hier genau so bezwingen, wie die USA sich bisher durch das Turnier geackert hatten. Mit unbedingtem Willen?

Elfmeterschießen also. Und verkehrte Welt. Die japanische Torhüterin Ayumi Kaihori ragt heraus, drei Amerikanerinnen scheitern, schon den vierten Versuch Japans hätte Hope Solo parieren müssen. Doch Saki Kumagai verwandelt - ein Treffer, um es mit Abby Wambachs nun sehr traurig anmutenden Worten zu sagen, wie ein Stoß ins Herz der USA.

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