WM 1966 Englands Fußball: Reich und traurig

Der reichste Verband, die beliebteste Liga der Welt, doch der einzige Titel ist 50 Jahre her: Die Engländer wundern sich, warum ihre Nationalelf so erfolglos ist.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Befürchtet werden muss, dass Pep Guardiola demnächst in den Gourmet-Tempeln von Manchester und London noch leichter einen guten Tisch bekommt. Könnten doch auf der Insel bald ein paar der besten Plätze frei bleiben. Am Dienstag hat der Katalane in München erstmals und ausschweifend begründet, warum er der Schweinsbraten-Hauptstadt den Rücken kehrt, um sich ab Sommer in England "neuen Herausforderungen" zu stellen. Er wolle, führte Guardiola unter anderem aus, "neue Restaurants" kennenlernen. Womit er nicht nur auf Porridge und Plumpudding zielen dürfte.

Nur wenige Stunden später erweiterte in London ein gewisser Greg Dyke die ohnehin schon lange Liste drohender Schreckensszenarien für 2016: "Ich denke, wir werden uns erschießen."

Nimmt man Mister Dyke beim Wort, könnte alsbald also eine komplette, teure Restaurants besuchende Fußball-Auswahl über die Themse gehen. Zwar erschießt sich kein Gentleman ohne triftigen Grund, aber die von Dyke angekündigte Bedingung zur kollektiven Selbstjustiz könnte relativ leicht erfüllt werden. Lautet sie doch: ". . . wenn wir in der Gruppenphase scheitern".

Kurzum: Falls es den Engländern bei der Europameisterschaft in Frankreich nicht gelingen sollte, in der Gruppe B gegen Russland, Wales und die Slowakei ins Achtelfinale vorzustoßen, dann . . .

Was dann? Dann würde kein einziger Schuss fallen. Nur dieser Mister Dyke, bei dem es sich um den Boss der englischen Football Association (FA) handelt, müsste vielleicht seinen Hut nehmen. Vorher aber hätte er zu erklären, warum die Engländer erneut, wie bei der WM 2014, die Vorrunde eines großen Turniers nicht überstehen konnten. In Brasilien wurden die Mannen um Wayne Rooney übrigens Gruppenletzter: hinter Costa Rica, Uruguay, Italien.

Auch daran wurde jetzt in London auf einer Feierstunde von Festredner Dyke bitter erinnert. Dabei gedachte England dort eines großen Titels - des einzigen. 50 Jahre ist es her, dass gegen Deutschland in der Verlängerung 4:2 gewonnen wurde. Passend dazu wollen Computer-Experten des TV-Senders Sky Sport UK endlich nachgewiesen haben, dass das dritte Tor, das umstrittene Wembley-Tor, drin war. Virtuelle Bilder sollen helfen, den Makel des WM-Sieges von 1966 zu tilgen, während man hierzulande längst folgende Deutung akzeptiert hat: Nicht drin! Aber England war eh besser.

Fast verzweifelt beklagte Festredner Dyke zudem einen Widerspruch. Seine FA sei doch der mit Abstand reichste Verband der Welt, die Premier League, in die jetzt sogar Guardiola strebt, sei eine der Attraktionen des Universums, warum gewinne Englands Nationalelf trotzdem nix? Und das nun seit Jahrzehnten?

Es wird schon nicht einsam werden um Guardiola auf seiner nächsten Etappe. Aber vielleicht wird er sich ab und an wundern, warum diese reichen, armen Leute in den Restaurants der Roastbeef-Metropolen trotz seiner Gegenwart immer ein bisschen verbittert wirken.